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Kommentar: Brüchiger blauer Friede

07. Juni 2021 · Lesedauer 3 min

Wenig überraschend wurde Herbert Kickl zum neuen FPÖ-Parteichef gekürt. Als Nummer 1 sehen ihn freilich noch lange nicht alle.

Jetzt hat es Herbert Kickl dann doch geschafft, er steht an der Spitze der FPÖ. Für den gebürtigen Kärntner eine späte Genugtuung. Jahrzehntelang werkte er unbemerkt in der zweiten Reihe, schrieb für Haider die Aschermittwoch-Kalauer, dichtete Slogans für Straches Wahlplakate. Kickl wurde gerne als das Hirn der FPÖ bezeichnet, als einer, der die großen Linien vorgibt. An vorderster Front sah ihn lange niemand, dafür gab es Haider, Strache und zuletzt auch Hofer. Sie standen in der ersten Reihe, propagierten die zahlreichen Wahlsiege für sich, Kickls Rolle war die des Schattenmannes.

Karrierehöhepunkt war seine Kür zum Innenminister mit Eintritt der FPÖ in die türkis-blaue Regierung. Kickl war angekommen. Im Innenministerium agierte er wie eine Horde Kinder ohne Aufsicht, gefiel sich immer mehr in seiner Rolle in der Öffentlichkeit, positionierte sich als eine Art Retter des von allen Seiten bedrohten Abendlandes. Mit Ibiza kam der tiefe Fall, der in einen fast schon pathologischen Hass gegen die ÖVP und im Besonderen gegen Sebastian Kurz ausartete. Die Doppelspitze mit Hofer nach Straches Rücktritt war ein Kompromiss, schon damals zeigte er Avancen auf die Nummer 1, musste hinter dem in Umfragen beliebteren Norbert Hofer zurückstecken.

Die Machtübernahme plante er akribisch, ging im Parlament auf Frontalopposition, erfand für sich selbst den Titel "Bester Innenminister aller Zeiten". Mit der Pandemie wurde er zum Sprachrohr der FPÖ, bremste Hofer bei allen Gelegenheiten aus, trug diesen Konflikt auf offener Bühne aus, bis dieser entnervt das Handtuch warf.

Kickl wird sich nun als Nummer 1 wirklich beweisen müssen, sein Rückhalt innerhalb der Partei ist brüchig. Seine Kür wurde von Teilen der Partei nur zähneknirschend zur Kenntnis genommen, auch mangels geeigneter Gegenkandidaten. Niemand traut sich offenbar momentan, gegen Kickl in den Ring zu steigen, auch die strammen Hardliner wie Dominik Nepp und Udo Landbauer sahen wenig Chance für eine eigene Kandidatur. Keiner wollte ein Hofer-Schicksal erleiden.

Kickl weiß ob seiner fragilen Obmannschaft, dafür ist er schlau genug. Widerwillig wird er seinen brachialen Oppositionskurs auch mit moderaten und verbindlichen Tönen kombinieren müssen. Nur so wird er mittelfristig die gesamte FPÖ hinter sich vereinen können. Der politische Kompromiss wird Kickl schwerfallen, wird aber über seinen Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Sein erster Lackmustest kommt mit der Wahl im Herbst in Oberösterreich. Verliert dort sein schärfster Kritiker Manfred Haimbuchner die Wahl, wird man Kickl und seinem Kurs die Schuld in die Schuhe schieben. Der brüchige Waffenstillstand innerhalb der Partei zwischen Moderaten und Hardlinern wäre damit zu Ende, die jetzt nur unter der Oberfläche brodelnden Diskussionen über den künftigen freiheitlichen Kurs würden neu entfacht. Kickl wird bis Herbst alle Hände voll zu tun haben, innerhalb der Partei für Geschlossenheit zu sorgen oder aber seine Kritiker bis dahin mundtot zu machen. Letzteres, sagen einige Freiheitliche hinter vorgehaltener Hand, wäre ihm dabei eher zuzutrauen.

Stefan KaltenbrunnerQuelle: Redaktion