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Kämpfe um Stahlwerk in Mariupol trotz Feuerpause

05. Mai 2022 · Lesedauer 4 min

Trotz einer von Russland angekündigten Feuerpause dauern die Kämpfe um das Asowstal-Werk in Mariupol am Donnerstag nach ukrainischen Angaben weiter an. Russland versuche, die letzten verbliebenen ukrainischen Verteidiger auf dem Gelände im Süden der Ukraine zu "vernichten", teilte die ukrainische Armee mit. Der Kreml erklärte hingegen, die Feuerpause werde eingehalten. Durch Beschuss mehrerer Städte im Donbass gab es unterdessen Tote und Verletzte.

Moskau hatte am Mittwochabend eine dreitägige Feuerpause zur Evakuierung von Zivilisten aus dem Asowstal-Werk in der südukrainischen Hafenstadt angekündigt. Die russischen Streitkräfte wollten demnach am Donnerstag, Freitag und Samstag jeweils von 08.00 bis 18.00 Uhr (07.00 - 17.00 Uhr MESZ) Fluchtkorridore für Zivilisten aus dem Industriekomplex öffnen.

Nach Angaben der ukrainischen Armee nahmen russische Truppen ihre Offensive zur Einnahme des Fabrikgeländes mit Unterstützung aus der Luft aber wieder auf. Der Kommandeur des ukrainischen Asow-Regiments, Denys Prokopenko, hatte in einem am Mittwochabend auf Telegram veröffentlichten Video erklärt, dass russische Soldaten in das Stahlwerk eingedrungen seien und sich "heftige und blutige Gefechte" mit den ukrainischen Streitkräften lieferten.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte am Donnerstag in Moskau hingegen, die Fluchtkorridore "funktionieren". Die russischen Truppen hielten die Feuerpause ein, das Stahlwerk werde jedoch weiterhin belagert.

Ukrainische Kämpfer warfen russischen Truppen hingegen einen Bruch der vereinbarten Waffenruhe zur Evakuierung aus dem Stahlwerk vor. "Wieder einmal haben die Russen das Waffenstillstandsversprechen gebrochen und die Evakuierung von Zivilisten, die sich weiterhin im Kellern des Werks verstecken, nicht erlaubt", sagte der Vizekommandeur des ukrainischen Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar, am Donnerstag in einer auf Telegram veröffentlichten Videobotschaft.

Mariupol ist nach wochenlanger russischer Belagerung und Angriffen weitgehend zerstört, das Stahlwerk ist der letzte Rückzugsort ukrainischer Soldaten in der strategisch wichtigen Hafenstadt. Nach Angaben des Bürgermeisters von Mariupol, Wadym Boitschenko, sitzen noch 200 Zivilisten in ausgedehnten Tunnelanlagen auf dem Werksgelände fest.

Angesichts der zunehmend aussichtslosen Lage von Zivilisten im Asowstal-Werk forderte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine sofortige Waffenruhe, um die Menschen nach Wochen der Belagerung evakuieren zu können. "Es wird einige Zeit dauern, die Menschen aus den Kellern und unterirdischen Bunkern zu befreien", so Selenskyj. "Unter den derzeitigen Umständen können wir keine schweren Geräte einsetzen, um den Schutt wegzuräumen, es muss alles von Hand gemacht werden."

In anderen Teilen des Landes, insbesondere in der Ostukraine, dauerten die Kämpfe ebenfalls weiter an. Der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, sprach von fünf Toten durch Beschuss von Sjewjerodonezk, Lyssytschansk, Hirske und Popasna im Donbass. Nach Angaben des Gouverneurs der Region Donezk wurden bei einem nächtlichen Angriff auf ein Wohnviertel in Kramatorsk 25 Zivilisten verletzt. Die russische Armee teilte ihrerseits mit, sie habe in der Stadt einen ukrainischen Kommandoposten und zwei Militärlager beschossen.

Beim Beschuss von zwei Ortschaften in der westrussischen Region Belgorod an der Grenze zur Ukraine wurden nach Behördenangaben fünf Häuser und eine Stromleitung beschädigt. "Von ukrainischer Seite aus stehen Schurawljowka und Nechotejewka unter Beschuss", teilte der Gouverneur der Region, Wjatscheslaw Gladkow, auf Telegram mit. Seinen Angaben nach gab es keine Opfer, die Attacke sei erst nach längerem Beschuss eingestellt worden. Die Behörden arbeiteten an der Wiederherstellung der Stromversorgung.

Kreml-Sprecher Peskow erklärte am Donnerstag, dass die Unterstützung westlicher Staaten für die Ukraine ein rasches Vordringen der russischen Truppen erschwere. Die USA, Großbritannien und die NATO tauschten "ständig Geheimdienst-Informationen mit den ukrainischen Streitkräften aus", sagte der Kreml-Sprecher. "Zusammen mit den Waffenlieferungen machen diese Aktionen einen schnellen Abschluss" des russischen Militäreinsatzes "unmöglich". Russland werde dennoch all seine Ziele erreichen.

Die Ukraine dürfte nach Einschätzungen aus dem Umfeld von Präsident Selenskyj mit einer Gegenoffensive bis mit Mitte Juni warten. Dann werde die Ukraine hoffentlich mehr Waffen aus dem Ausland erhalten haben, sagt Präsidentenberater Olexij Arestowytsch. Ein früherer Zeitpunkt sei unwahrscheinlich. Er rechne zudem nicht damit, dass die russische Offensive vor dem 9. Mai irgendwelche "bedeutenden Ergebnisse" bringe.

Quelle: Agenturen