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Heinrich Staudinger: Mit sozialem Gewissen und Impfpflicht-Kritik in die Hofburg?

28. Sept. 2022 · Lesedauer 6 min

Widerstand als Lebenseinstellung und Erfolgsrezept: Heinrich Staudinger motivierte Politiker zum Crowdfunding-Gesetz, die Finanzmarktaufsicht zur Pfändung und über 9.000 Personen zu Unterstützungserklärungen für seine Kandidatur. Seine Fans fand er unter Kunden seiner Schuh-Geschäfte genauso wie auf Anti-Impfpflicht-Demos. Kritik schlägt ihm trotzdem kaum entgegen. Wofür steht Heinrich Staudinger?

"Ihr spinnt's, tut's vorher fertig studieren, dann könnt's noch immer fahren", sollen die Eltern von Heinrich "Heini" Staudinger gesagt haben, als er ihnen mitteilten, dass er mit seinem Moped nach Afrika aufbrechen wollte. Seine Studien in Theologie, Publizistik und Politikwissenschaften sollte der jetzige Bundespräsidentschaftskandidat nie beenden.

"Dann haben sie (die Eltern, Anm.) bemerkt, die Argumente der Vernunft zählen nicht", erinnert sich der "Waldviertler"-Schuhfabrikant in einem Video auf der Website seiner Laden-Kette GEA, die über 50 Filialen in Österreich, Deutschland und der Schweiz umfasst. "Wenn du nach Afrika fahrst, stirb i", drohte die Mama – und stieß damit auf taube Ohren. Am Tag seines Aufbruchs sagte er: "Pfiat di, i fahr jetzt und du stirbst. Geweint haben wir beide." Heute meint der 69-jährige, der in Schwanenstadt geboren wurde, es sei für ihn ein Schlüsselerlebnis gewesen, sich dem Druck der Eltern, die eine Greißlerei betrieben, nicht zu beugen. 

Widerstand - gegen Eltern und die Finanzmarktaufsicht

Diese Sturheit brachte Staudinger damals 12.000 Kilometer weit bis nach Tansania und 2012 in Konflikt mit der Finanzmarktaufsicht. Nachdem ihm die Banken den Kreditrahmen gekürzt hatte, gründete er eine Art "Sparverein". 200 Privatpersonen borgen ihm drei Millionen Euro. Staudinger versprach ihnen vier Prozent Zinsen und baute seinen Betrieb kräftig aus. Eine knappe weitere Million holte er sich im Tausch gegen Warengutscheine: "Damit habe ich die Photovoltaik-Anlage gebaut, die mittlerweile doppelt so viel Energie liefert, wie wir für unseren Betrieb brauchen", erklärte Staudinger 2012.

DEMONSTRATION GEA IN WIEN: Heinrich STAUDINGER

"Heini" Staudinger demonstriert 2012 vor dem Parlament in Wien

Schuh- und Bankenrebell

Für die FMA und das Gericht waren das illegale Bankgeschäfte und verhängte eine Strafe über mehrere Tausend Euro. Staudinger weigerte sich zu zahlen, durchlief alle richterlichen Instanzen, gab an, auch zu einer Gefängnisstrafe bereit zu sein, und demonstrierte mit reger Unterstützung Prominenter vor dem Parlament. Der damalige Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl versuchte persönlich zu vermitteln, Politiker aller Couleurs dienten sich dem Unternehmer an und gelobten, neue Regeln für Crowdfunding zu schaffen – was 2015 auch geschah.

FMA "beste Werbeagentur"

Im gleichen Jahr wollte die FMA erst Möbel aus Staudingers Geschäften pfänden lassen, um die Strafe zu begleichen. Die Medien warteten im Juni 2015 auf die Möbelpacker, doch die tauchten nie auf. Schließlich kassierte der Exekutor die Umsätze wenige Tage nach dem angekündigten Termin aus den Kassen der GEA-Geschäfte ein – die offene Verwaltungsstrafe betrug 2.626 Euro. Ein in den Streit Involvierter meinte: "Die beste Werbeagentur heißt FMA."

DEMONSTRATION GEA IN WIEN: Heinrich STAUDINGER

Medienliebling und Motivator: Zur Demo vor dem Parlament kamen u.a. Kabarettist Roland Düringer, der Schremser Bürgermeister und "Weltenwanderer" Gregor Sieböck. 

Als Medienliebling auch finanziell erfolgreich

Denn damals richtete sich die Aufmerksamkeit der Medien auf Staudinger. Über den Konflikt wurde in der ZiB2 diskutiert, Staudinger sprach von über 1.000 E-Mails, die er einmal innerhalb nur eines Tages erhalten habe – Unterstützung kam von Rechtsanwälten, Nationalratsabgeordneten und selbst von ehemaligen hochrangigen Mitarbeitern der Wiener Börse. Er sah sich "an der Spitze einer Bürgerrechtsbewegung".

Durch Sturheit, gepaart mit geschickter Selbstdarstellung hat es Staudinger zum "Schuhrebellen", gefragten Interview-Gast, Vortragenden, Kino-Held einer Dokumentation ("Das Leben ist keine Generalprobe") und seine Kette GEA zu Rekord-Umsätzen gebracht.

Für Van der Bellen ...

Ein Jahr später, 2016, engagierte sich der Widerständige bei der Bundespräsidentenwahl für Alexander Van der Bellen. Staudinger war Mitglied des persönlichen Personenkomitees. Van der Bellen sei einer, "der seine Stimme der Natur und den Armen gibt", erklärte der Schuhfabrikant.

... und gegen die Impfpflicht

Widerständig, engagiert und entgegen dem Mainstream zeigte sich Staudinger auch in der Corona-Pandemie. Seit Jänner ist er bei der Initiative "Zukunft Jetzt", die sich gegen die Impfpflicht ausspricht, aktiv. Im Winter mobilisierte Staudinger laut "noen.at" auch bei Corona-Impfdemos. In Waidhofen/Thaya nannte er Vaclav Havel als Beispiel: "Der ist im Häfn gesessen unter den Kommunisten. Was ist er dann geworden? Präsident der neuen Tschechoslowakei!" Die Politiker könnten mit der Krise nicht umgehen. "Die zukünftigen Präsidenten, die das können, sind jetzt unter den Demonstranten, oder womöglich sogar im Häfn."

Staudinger kritisierte, dass den Leuten in der Pandemie Angst eingejagt und zu regelmäßigem Impfen aufgerufen werde. Die Pharmakonzerne würden "völlig absurde Gewinne" machen, "im Wesentlichen finanziert durch die öffentliche Hand". Stattdessen könne man die Abwehrkräfte durch Natur, gesunde Luft, Ernährung oder Bewegung stärken.

APA/EVA MANHART

Lieferung mit dem Leiterwagen: Staudinger und seine über 9.000 Unterstützungserklärungen. 

Über 9.000 Unterstützungserklärungen

Staudingers Talent, Leute für seine Sache zu begeistern, kam dem 69-Jährigen 2022 wieder zugute, als er 6.000 Unterstützungserklärungen für seine Kandidatur zum Bundespräsidenten brauchte. Noch am 14. August gab eine Sprecherin Staudingers an, nicht zu wissen, wie viele Unterschriften man bereits habe. Sie würden dezentral eingesammelt, etwa in den Geschäften des Unternehmers. Am 2. September, dem letztmöglichen Abgabetag, brachte Staudinger seine 9.085 Unterstützungserklärungen mit dem Leiterwagen zur Bundeswahlbehörde nahe der Gasometer in Wien-Landstraße. Sein Team umrahmte den Auftritt mit Seifenblasen.

Freiheit, Naturliebe und Streit als Wahlprogramm

Im Fall seiner Wahl zum Präsidenten will sich Staudinger lautstark für das Recht auf Freiheit und Gesundheit und die Einhaltung der Grundrechte, auch in schwierigen Zeiten einsetzen. Ein Argument, das für ihn auch gegen die Corona-Impfpflicht spricht.

Auf seiner Agenda stehen aber auch Einsatz für "eine Wirtschaft, die dem Gemeinwohl dient und nicht nur dem Gewinn", der Kampf für Natur, Tiere, Pflanzen, Frieden und Neutralität – und für eine "erfrischende Diskurs- und Streitkultur". Er wolle als "Gewissen der Politik eine laute Stimme" geben, in die Stichwahl kommen und dafür sorgen, dass "vernachlässigte Themen öffentlich diskutiert werden".

Staudinger sorgt als siebenter Bundespräsidentschaftskandidat für einen Rekord – noch nie stellten sich so viele Kandidaten der Wahl. Der Schuh-Unternehmer wird als vierter auf dem Wahlzettel stehen, streng alphabetisch nach FPÖ-Kandidat Walter Rosenkranz und vor Amtsinhaber Alexander Van der Bellen.

Kritik an dem als authentisch rüberkommendenen, aber auch sehr gegensätzlichen Kandidaten gibt es bisher wenig, was auch an seinen geringen Chancen auf den Sieg liegen könnte. Laut einer aktuellen Umfrage teilt er sich mit knapp 2 Prozent der Stimmen aktuell den letzten Platz mit MFG-Gründer Michael Brunner.

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam