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Gründe für Hinwendung Jugendlicher zu Extremismus vielfältig

16. Okt 2020 · Lesedauer 3 min

Den einen Grund, warum sich Jugendliche extremistischen Gruppen zuwenden, gibt es nicht. Oft ist es eine Kombination aus frühen Gewalterfahrungen, prekären familiären Verhältnissen, fehlenden Bezugspersonen und traumatisierenden Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus. Das ist eine der zentralen Aussagen einer neuen Studie zur Extremismusprävention in Österreich mit dem Titel "Prävention von gewaltbereitem Extremismus in Österreich".

Die Studie wurde am Freitag im Zuge einer Fachtagung in Wien vorgestellt. Sie wurde im Rahmen des EU-Projekts "Rhizome against Polarisation" erstellt, welches in Österreich von der entwicklungspolitischen Organisation "Südwind" koordiniert und durchgeführt wird. Die Ergebnisse der Studie basieren auf qualitativen Interviews mit zehn Experten und Expertinnen, die im Extremismuspräventionsbereich in Österreich tätig sind.

Einig sind sich die Experten, dass es nicht einen singulären Auslöser gibt, der Jugendliche dazu verleitet, sich gewalttätig extremistischen Gruppierungen anzunähern. Vielmehr existiert eine Bandbreite an Ursachen wie Gewalterfahrungen, prekäre familiäre Verhältnisse, fehlende Identifikationsfiguren, der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die Suche nach der eigenen Identität, Erfahrungen von Diskriminierung und Marginalisierung, Erfahrungen von Rassismus. Ideologische Gruppierungen setzen genau an diesen Bedürfnissen an.

Als Motivation für den Anschluss an extremistische Gruppierungen dienen demnach häufig die Suche nach der eigenen Identität und der Wunsch nach Akzeptanz. "Extremistische Gruppen bieten Zugehörigkeit. Das ist vor allem für Jugendliche, die sich von ihrem Umfeld als 'nicht wertvoll' wahrgenommen fühlen und ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden haben, schnell reizvoll", erläutert Südwind-Expertin Elisabeth Nagy die Studienergebnisse ein.

Nicht nur die Gründe, auch die Orte an denen Jugendliche mit Extremismus in Kontakt kommen, sind laut Studie breit gestreut. Je nach Region und sozialem Umfeld können das Jugendclubs, Sportanlagen, Parks, Religionsstätten oder das Internet sein.

Eine weitere Gemeinsamkeit extremistischer Gruppen ist laut Studie ihre Verehrung von starken, männlichen Rollen. Die Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau ist in der Vorstellung extremistischer Gruppierungen naturgegeben und unveränderbar. Im kritischen Hinterfragen und in der Auflösung dieser Rollenbilder sieht die Studie aber auch Möglichkeiten für die Präventionsarbeit.

Für die Eindämmung von Extremismus in Österreich empfehlen die Experten einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz, der insbesondere die Förderung von Demokratie und Partizipation beinhaltet. Dies könne nur mit einer gesicherten Finanzierung und mitgetragen vom politischen Willen geschehen. Wichtig sei es auch, "dass wir uns im Kampf gegen Extremismus nicht ausschließlich auf die Demokratie als Institution verlassen, sondern dass wir alle individuell, nach unseren jeweiligen Möglichkeiten und Handlungsspielräumen, Extremismus entgegentreten".

Basierend auf den Erkenntnissen der Studie wurde auch ein Aktionsplan für die Extremismusprävention abgeleitet. Gefordert wird darin eine bessere Finanzierung der Präventionsstellen und eine bessere Vernetzung der Akteure, Unterstützung von Lehrern in der Prävention, mehr politische Bildung und kritische Auseinandersetzung mit den Themen Polarisierung, Diskriminierung und Rassismus im Unterricht. Mehr Unterstützung sollten auch Eltern und Erziehungsberechtigte von Jugendlichen, die mit extremistischen Gruppierungen in Kontakt gekommen sind, erhalten.

Quelle: Agenturen