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Grönland: Zwickmühle zwischen Washington und Kopenhagen

Heute, 07:01 · Lesedauer 4 min

Am Wochenende wurde bekannt, dass die USA unter anderem erwägen, den Grönländern eine Pro-Kopf-Prämie von bis zu 100.000 Dollar (85.106,38 Euro) zu zahlen, um der Bevölkerung einen möglichen Anschluss an die USA schmackhaft zu machen. Dass die USA an derartige Maßnahmen denken, hat seinen Grund. Ist doch die Stimmung in Grönland überwiegend gegen eine Einvernahme durch die USA sowie überhaupt gegen jegliche Fremdbestimmung gerichtet.

Eine dänisch-grönländische Studie aus dem vergangenen Jahr ergab, dass 85 Prozent der rund 57.000 Grönländer nicht Teil der Vereinigten Staaten werden wollen, lediglich sechs Prozent würden es vorziehen, US-Bürger zu werden, der Rest gab sich unentschlossen. Gleichzeitig gaben 56 Prozent der knapp 500 befragten Grönländerinnen und Grönländer an, für die Unabhängigkeit von Dänemark stimmen zu wollen, fände eine Volksabstimmung zu dieser Frage jetzt statt. 28 Prozent würden das nicht tun, 17 Prozent wollten keine Angabe machen.

Der grönländische Medienexperte Ole Aggo Markussen glaubt, dass dieses Stimmungsbild auch nach den neuerlich geäußerten Ansprüchen Washingtons auf die strategisch wichtige und rohstoffreiche Insel im Nordatlantik im Wesentlichen unverändert ist: "Die Umfrage wurde nach den vorigen Ausbrüchen des US-Präsidenten durchgeführt, damals war die Lage bereits ernst." Auch die nun bekannt gewordenen Erwägungen zu Einmalzahlungen an die Bevölkerung würden die Meinung der Leute in Grönland nicht beeinflussen und die Regierung ließe sich auch nicht bestechen, so Markussen.

Letzteres machte die grönländische Politik vergangene Woche klar, als sich Vertreter aller fünf im Parlament (Inatsisartut) in Nuuk in einer gemeinsamen Erklärung gegen jegliche Einmischung von außen verwehrten. Neben der "Geringschätzung" durch die USA sprachen die Parteichefs in der Erklärung allerdings auch Dänemark an, die ehemalige Kolonialmacht, zu der Grönland völkerrechtlich bis heute gehört und von der das Land wirtschaftlich immer noch abhängig ist.

Ärger mit Kopenhagen

Rund die Hälfte des Budgets der Insel wird nach wie vor von Kopenhagen bestritten - der Hauptgrund dafür, warum die meisten grönländischen Parteien im Hinblick auf die prinzipiell erwünschte Unabhängigkeit nicht gerade aufs Gaspedal treten. Allerdings ist das Verhältnis der Grönländer zu Dänemark alles andere als ungetrübt. Das wurde vergangene Woche manifest, als Beratungen des außenpolitischen Ausschusses im dänischen Parlament (Folketing) entgegen den Gepflogenheiten unter Ausschluss der grönländischen Kollegen stattfand.

In einer Videokonferenz mit Nuuk kam es daraufhin laut dem dänischen Sender DR zu harschen Worten, unter anderem soll von "Neokolonialismus" die Rede gewesen sein. Der dänische Ausschussvorsitzende Christian Friis Bach lenkte anschließend ein und kündigte an, dafür sorgen zu wollen, dass künftig derartige Beratungen über eine "sichere Verbindung" mit Nuuk geführt werden könnten.

Historische Altlasten

Das Verhältnis der einheimischen Bevölkerung zu ihren ehemaligen Kolonialherren wurde auch seit der Dekolonisierung immer wieder getrübt. Anfang der 1950er Jahre etwa wurden im Rahmen eines Sozialexperiments grönländische Kinder zwischen sechs und acht Jahren ihren Eltern weggenommen und nach Dänemark gebracht, um sie dort zu "modernen Dänen" zu machen. Die Kinder entwickelten schwere psychische Probleme. Ein Teil der Kinder musste vorzeitig nach Grönland zurückgeschickt werden. Dort wurden sie in Heim gebracht, weil sie von ihren Eltern nicht mehr angenommen wurden oder nicht mehr mit ihnen kommunizieren konnten. Rund die Hälfte der Kinder starb noch vor dem Erreichen des Erwachsenenalters.

US-Rhetorik verstärkt Sensibilitäten

Auch die sogenannte "Spiralen-Affäre", im Rahmen derer die Gesundheitsbehörden Dänemarks über Jahrzehnte hinweg, bis in die 1990er Jahre Tausenden grönländischen Mädchen und Frauen ohne deren Zustimmung Spiralen zur Empfängnisverhütung einsetzen ließen. Erst unter dem Eindruck der erneuten US-amerikanischen Ansprüche auf Grönland ließ sich die dänische Regierung vergangenes Jahr zu einer Entschuldigung und zur Gewährung von Entschädigungszahlungen bewegen.

Die Rhetorik von Seiten der USA gegenüber Grönland verstärke die Sensibilität der Grönländer in Bezug auf Souveränität und Handlungsfähigkeit, gibt auch Markussen zu bedenken. Die Beziehungen mit Kopenhagen seien zwar angespannt, aber nicht zerbrochen: "Kopenhagen und Nuuk arbeiten weiterhin eng zusammen. Aber wenn die grönländischen Forderungen nach einer umfassenderen Einbindung und größerer Autonomie in außen- und sicherheitspolitischen Angelegenheiten nicht erfüllt werden, könnten sich die Spannungen mit der Zeit verschärfen", glaubt der politische Beobachter.

(Von Andreas Stangl/APA)

Zusammenfassung
  • Die USA erwägen, den rund 57.000 Grönländern eine Pro-Kopf-Prämie von bis zu 100.000 Dollar zu zahlen, um einen Anschluss an die Vereinigten Staaten attraktiver zu machen.
  • Laut einer aktuellen Studie lehnen 85 Prozent der Grönländer einen Beitritt zu den USA ab, nur sechs Prozent würden US-Bürger werden wollen.
  • 56 Prozent der befragten Grönländer würden in einer Volksabstimmung für die Unabhängigkeit von Dänemark stimmen, während 28 Prozent dagegen sind.
  • Die grönländische Regierung und alle fünf Parlamentsparteien haben sich in einer gemeinsamen Erklärung klar gegen jede äußere Einmischung, sowohl aus den USA als auch aus Dänemark, ausgesprochen.
  • Rund die Hälfte des grönländischen Budgets wird nach wie vor von Kopenhagen finanziert, was die Unabhängigkeitsbestrebungen trotz angespannten Verhältnisses zu Dänemark erschwert.