AFP

Gesichtserkennung: Ukraine identifiziert tote Russen und informiert Angehörige

16. Apr. 2022 · Lesedauer 2 min

Mithilfe von Scans werden laut "Washington Post" die Leichen gefallener russischer Soldaten identifiziert. Anschließend werden die Familienangehörigen kontaktiert und informiert.

Seit Kriegsbeginn haben ukrainische Behörden bei mehr als 8.600 toten oder gefangengenommenen russischen Soldaten einen Gesichtsscan mit der Software "Clearview AI" durchgeführt, um diese zu identifizieren und deren Familien zu kontaktieren. Auch freiwillige Hacker an der Seite der Ukraine sollen die Software 582 mal genutzt haben. Das geht aus einem Bericht der "Washington Post" hervor. Die Ukraine will damit russischer Propaganda entgegenwirken. Experten sehen ein Instrument psychologischer Kriegsführung. 

Gegen russische Propaganda

Der Vorstandsvorsitzende von "Clearview AI", Hoan Ton-That, sagte gegenüber der "Washington Post", dass mehr als 340 Beamte in fünf ukrainischen Regierungsbehörden kostenlos mit ihrem Programm Gesichtserkennungssuchen durchführen können. Mitarbeiter würden zudem wöchentliche Schulungen mit ukrainischen Polizei- und Militärbeamten durchführen. Das Unternehmen habe der Ukraine laut Ton-That seine Dienste im vergangenen Monat erstmals angeboten, nachdem Russland behauptet hatte, gefangene Soldaten seien Schauspieler oder Betrüger.

Die Gesichtserkennungssoftware wird dem Bericht zufolge nicht nur bei toten Soldaten genutzt. An Grenzposten sei "Clearview AI" ebenfalls im Einsatz, um mögliche russische Saboteure zu erkennen. Zudem würde die Gesichtserkennung auch bei Sicherheitsaufnahmen angewendet. So lassen sich demnach Soldaten identifizieren, die für Kriegsverbrechen und Plünderungen verantwortlich sind.

"Klassische psychologische Kriegsführung"

Die "Clearview"-Software greift auf eine riesige Datenbank zurück, die sich aus Social-Media-Netzwerken und öffentlich zugänglichen Internetseiten speist. Alleine die Bilddatenbank umfasst 20 Milliarden Fotos. Hunderten Familien hat die Ukraine über die Kontaktermittlung so Bilder von toten Soldaten geschickt. Die Aufklärung der Angehörigen kann aber auch anders verstanden werden.

Die Überwachungsexpertin Stephanie Hare nannte das Vorgehen der Ukraine gegenüber der "Washington Post" "klassische psychologische Kriegsführung". Sie sieht die Gefahr für einen "gefährlichen neuen Standard für zukünftige Konflikte". Außerdem könnte das Vorgehen noch mehr Hass gegen Ukrainer hervorrufen.

Zudem sei "Clearview AI" laut Hare daran interessiert, seine Arbeit in der Ukraine zu nutzen, um bei Regierungskunden auf der ganzen Welt für sich selbst zu werben und "von der Tragödie zu profitieren". "Clearview"-Chef Ton-That betonte gegenüber der Zeitung, das einzige Ziel des Unternehmens sei, bei der Verteidigung eines belagerten Landes zu helfen. Aber er räumte ein, dass der Krieg dazu beigetragen habe, Teilen der US-Regierung den Nutzen der Software näherzubringen.

Quelle: Redaktion / koa