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Mangott: "Gassparzwang ist genau, was Putin will"

22. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

Laut dem Politologen und Russland-Experten Gerhard Mangott kann man sich nicht darauf verlassen, dass weiterhin Gas durch die deutsch-russische Pipeline Nord Stream 1 fließt.

Nach einer zehntägigen Wartung von Nord Stream 1, die am Donnerstag endete, liefert Russland aktuell wie auch schon zuvor nur einen Teil der vereinbarten Gasliefermenge. Dass dies tatsächlich an einer fehlenden Turbine liegt, wie von Russland behauptet, bezweifelt Mangott. Schließlich sei die Turbine ursprünglich erst für Herbst geplant gewesen und auch ohne die Turbine könne mehr Gas geliefert werden, als das aktuell gemacht werde.

Technische Begründung logisch - Kalkül sichtbar

Mangott erscheint es logisch, dass der Gaskonzern Gazprom diese Mengenreduktion technisch begründet: "Sonst müsste man ja zugeben, dass man die Lieferungen aus politischem Kalkül abschwächt, um bestimmte Effekte zu erzielen." Die Absicht Russlands dahinter sei, in der EU-Bevölkerung Angst zu streuen und sie zu spalten.

Gas-Sparzwang könnte Stabilität schwächen

Die Ankündigung der Europäischen Kommission vom Mittwoch, die EU-Länder im Notfall zum Gassparen zwingen zu wollen, könnte eine solche soziale und politische Spaltung des Westens nach Einschätzung Mangotts unterstützen: "Wenn die Leute ihre Wohnungen nicht mehr wie gewohnt heizen können oder ihre Jobs verlieren, weil die Industrie nicht mehr genug Gas bekommt, entsteht eine politisch gefährliche Gemengelage."

Das könne in vielen EU-Staaten zu Protesten führen und politische Stabilität untergraben. Das sei genau, was der russische Präsident Wladimir Putin wolle. Daher empfiehlt der Politologe, mit solchen Sparzwängen vorsichtig umzugehen.

Sanktionen treffen Russland stärker als Europa

Immer wieder wird diskutiert, wem die seit Februar verhängten Sanktionen gegen Russland mehr schaden - Russland oder dem Westen. Für Mangott ist klar, dass sie Russland stärker schaden: "Wer sagt, Europa sei stärker betroffen, hat eine politische Agenda, denn objektiv ist das nicht der Fall." Mittel- und langfristig würden die negativen Folgen für Russland sichtbarer werden.

Dass die Sanktionen den Krieg in der Ukraine noch beenden können, hält der Experte aber für unwahrscheinlich. "Damit würde Putin der eigenen Bevölkerung signalisieren, dass er sich letztlich dem Westen gebeugt hat, eingeknickt ist und verloren hat. Die vielen Kosten, die der Krieg Russland schon gebracht hat, wären dann umsonst gewesen. Das kann er sich politisch nicht leisten", so Mangott.

Weitere Sanktionen werden Putin nicht umstimmen

Der Experte glaubt deshalb, dass auch weitere Sanktionspakete Putin diesbezüglich nicht umstimmen können. Gleichzeitig sei auch eine Verhandlungslösung derzeit nicht in Sicht. "Ich glaube, dass dieser Krieg noch mindestens viele Monate dauern wird", schätzt Mangott. Im Winter könne es möglicherweise ein Abflauen der Kämpfe und eine Art Pause geben, bevor es im Frühjahr weitergehe.

Zur Drohung des russischen Außenministers Sergej Lawrow am Mittwoch, auch Ziele außerhalb des Donbass erobern zu wollen, sagt Mangott: "Das ist zum Teil eine Reaktion auf die ukrainische Ankündigung, das gesamte Territorium wieder zurückerobern und auch die Krim angreifen zu wollen." Die Botschaft Lawrows sei aber auch eine an den Westen. Er wolle damit sagen: Russland ist entschlossen, diesen Krieg zu gewinnen - koste es, was es wolle.

Quelle: Agenturen / Redaktion / msp