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Mangott: Eskalation in Ukraine "sehr wahrscheinlich"

18. Jan. 2022 · Lesedauer 4 min

Für den Innsbrucker Politologen Gerhard Mangott ist eine Eskalation des Ukraine-Konflikts "sehr wahrscheinlich", an eine großflächige Invasion Russlands in der Ukraine glaubte er jedoch nicht. Großbritannien beschloss, der Ukraine zur Unterstützung Panzerabwehr-Waffen zu liefern, Ex-OSZE-Chef Zannier schließt eine NATO-Militäraktion nicht aus.

"Denkbar" sei indes, so der Russland-Experte Mangott, dass durch ein militärisches Manöver das derzeit von Separatisten kontrollierte Gebiet in der Donbass-Region ausgeweitet werden könnte. Als "kühn", aber denkbar, bezeichnete er die Herstellung einer Landbrücke zwischen dem Donbass und der Halbinsel Krim. Auch eine "rüstungsmilitärische Eskalation" - etwa die Stationierung von nuklear bestückbaren Überschallraketen an der Westgrenze Russlands oder dem Donbass - oder ein Cyberangriff - seien mögliche Arten, wie Russland den Konflikt eskalieren könnte.

Erste Waffen aus GB in Ukraine eingetroffen

Großbritannien will der Ukraine bei der Abwehr einer möglichen Invasion durch Russland mit Waffen zur Bekämpfung von Panzern helfen. "Wir haben entschieden, der Ukraine leichte defensive Panzerabwehr-Waffen zu liefern", erklärte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace am Montagabend im Parlament. Es seien bereits die ersten Einheiten in der Ukraine angekommen. Britische Armeeangehörige sollen für eine kurze Zeit ukrainisches Personal an dem Waffensystem ausbilden.

Die Waffen stellen laut Wallace keine Gefahr für Russland dar. "Sie sind zur Selbstverteidigung gedacht." Die Waffen hätten nur eine kurze Reichweite.

Baerbock versucht bei Besuch in Moskau zu vermitteln

Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock trifft am Dienstag vor dem Hintergrund der Ukraine-Russland-Krise in Moskau ihren russischen Amtskollegen Sergej Lawrow. 

Zannier: Es "kann alles passieren"

Der frühere OSZE-Generalsekretär Lamberto Zannier schließt eine militärische Reaktion der NATO auf einen russischen Angriff auf die Ukraine nicht aus. "Derzeit sind wir noch im Konfliktvermeidungsmodus", sagte Zannier auf die Frage, warum das westliche Bündnis bisher nur von Sanktionen spricht. "Wenn sich die Situation verschlechtert, kann alles passieren", mahnte der italienische Diplomat. Der frühere

UNO-Diplomat stand während der Ukraine-Krise im Jahr 2014 an der Spitze der europäischen Sicherheitsorganisation. Die OSZE spielte damals eine wesentliche Rolle dabei, mit einer Beobachtungsmission (SMM) die Feindseligkeiten zwischen der Regierung in Kiew und pro-russischen Separatisten im Osten des Landes einzudämmen. 

Mehr dazu: 

100.000 russische Soldaten an der Grenze

Russland hat an der Grenze zur Ukraine rund 100.000 Soldaten zusammengezogen. Der Westen und die Regierung in Kiew fürchten eine Invasion, was die Regierung in Moskau zurückweist.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte Mitte Dezember verlangt, dass die NATO künftig weder die Ukraine noch andere frühere Sowjetrepubliken als Mitglieder aufnimmt. Das Militärbündnis solle zudem Offensivwaffen und Soldaten aus der Region, sowie die USA in Europa stationierte Nuklearwaffen abziehen. Sollte der Westen den Forderungen nicht nachkommen, hatte Putin mit einer "militärisch-technischen Antwort" gedroht.

Was genau er unter einer "militärisch-technischen Antwort" verstehe, dies sei eben nun "die große Frage", erklärte Mangott. In den Gesprächen vergangener Woche habe sich jedenfalls gezeigt, dass "der Westen nicht bereit ist, die Forderungen zu erfüllen". Stattdessen habe er versucht, über andere Dinge Einvernehmen herzustellen - was etwa Rüstungskontrolle oder vertrauensbildende Maßnahmen betrifft.

Mangott: Russland sieht Europa als US-Vasallen

Der derzeitige Verhandlungsstand habe somit eine militärische Eskalation des Konflikts deutlich wahrscheinlicher gemacht. "Entscheidend" sind laut Mangott dieser Tage die Gespräche zwischen den USA und Russland - obwohl es um die europäische Sicherheitsarchitektur geht. Denn Russland sehe Europa "nicht als eigenständigen Akteur, sondern als 'Vasallen' der Vereinigten Staaten", erläuterte Mangott. Diese Sicht sei "nicht ganz falsch", da sich die Europäer noch immer auf die Sicherheitsgarantie der USA verlassen würden. "Fast schon tragisch" sei es gewesen, wie der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell "um Zugang zu den Verhandlungstischen fast schon gebettelt hat".

Quelle: Agenturen