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Fehlende Lesegeräte: E-Rezept vor Verschiebung

16. Juni 2022 · Lesedauer 4 min

Mit Juli sollte die bisherige elektronische Übermittlung von Rezepten im Rahmen der E-Medikation enden und nur noch das neue E-Rezept gelten. Doch es steht eine Verschiebung im Raum, denn bei Umsetzung der eigentlichen Pläne hätten Staus in den Apotheken gedroht.

Der Grund sind im wesentlichen fehlende Lesegeräte. Die Apothekerkammer warnt vor einem "Fiasko", wie Präsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr im APA-Gespräch formuliert.

Der Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger, Peter Lehner, wies die Vorwürfe der Apothekenkammer am Donnerstag scharf zurück. Das System funktioniere. Unterstützung für eine Verschiebung kam hingegen von der Ärztekammer. Aktuell gebe es noch zu viele offene Fragen und Baustellen, erklärte Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte. Steinhart plädierte für eine Verschiebung der Einführung um mindestens drei Monate.

Noch ist die Verschiebung - die Kammer fordert sie bis Jahresende - nicht fix. Doch hat die Koalition am Mittwoch im Nationalrat eine Novelle des Gesundheitstelematikgesetzes eingebracht. Diese ist zwar beinahe ohne Inhalt, dient aber als so genannte "Trägerrakete", das heißt, es können bei einer politischen Verständigung vor dem Beschluss noch echte Inhalte eingebracht werden.

Zeit drängt

Dabei drängt die Zeit und es braucht eigentlich den Beschluss in einer Sondersitzung des Nationalrats oder eine rückwirkende Regelung bei einer Verabschiedung der Novelle im Juli mit Übergangsregelungen. Denn aktuelle Gesetzeslage ist, dass ab 1. Juli nur noch das E-Rezept gilt.

Das hätte, wie Mursch-Edlmayr ausführt, für die Patienten durchaus unangenehme Auswirkungen. Denn bei der E-Medikation reicht es auch, wenn man mündlich die Sozialversicherungsnummer angibt, womit beispielsweise auch Verwandte das Präparat abholen können. Diese kann eingetippt werden und der Apotheker sieht die Verschreibung des Arztes.

Viele Geräte fehlen

Mit dem E-Rezept, das an sich schon länger in der Einführungsphase ist, braucht es, wenn die Mediziner das Rezept nicht ausdrucken, was immer seltener der Fall ist, die E-Card. Diese muss dann gesteckt werden, damit die Apotheke ablesen kann, welches Präparat dem Patienten verschrieben wurde.

An sich wäre das nicht so ein großes Problem, doch es gibt Lücken. Laut Mursch-Edlmayr fehlen 5.000 Kartenlesegeräte und die können vom Anbieter nicht vor September oder Oktober geliefert werden. Einige 100 Apotheken hätten überhaupt nur ein Lesegerät. Warteschlangen der Kunden seien absehbar. Die Präsidentin meint, dass am Rücken der Patienten "ein völliges Chaos" ausbrechen würde.

Viele kleine und große Probleme 

Zwar gibt es theoretisch Alternativen, auf die seitens der Sozialversicherung verwiesen wird wie eine eigene App, doch seien diese in der Bevölkerung so gut wie nicht bekannt.

Dazu gibt es laut Mursch-Edlmayr Mängel in der Umsetzung des E-Rezepts, konkret bei Suchtgift-Rezepten, die man aktuell nicht abbilden könne. Das betreffe auch schwere Schmerztabletten. Probleme in Pflegeheimen oder bei Personen in der mobilen Pflege seien vorprogrammiert. Das gleiche gelte etwa für Inhalatoren oder Infusionsgeräte.

Vorwürfe zurückgewiesen

Lehner nannte die Vorwürfe der Apothekenkammer "Panikmache" und "bewusste Falschinformation", die Unsicherheit bei allen Beteiligten erzeuge. Das E-Rezept sei "bereits erfolgreich österreichweit eingeführt" und funktioniere. In der vergangenen Woche seien 1,2 Millionen E-Rezepte ausgestellt worden. 97 Prozent der Apotheken und 85 Prozent der Arztpraxen nutzten es bereits, so Lehner: "Wir befinden uns damit aktuell in der finalen Phase des mehrmonatigen Rollout-Prozesses."

Aber auch die Ärztekammer äußerte am Donnerstag grobe Bedenken: "Eine Einführung des E-Rezepts mit Anfang Juli bedeutet Chaos mit Ansage. Alle Beteiligten müssten die Versäumnisse und ungeklärten Fragen ausbaden. Unnötigerweise würde man große Verwirrung und Frustration auslösen", meint Ärztekammer-Vize Steinhart. Eine Verschiebung um drei Monate sollte reichen, "um die noch bestehenden Kinderkrankheiten zu behandeln, vorausgesetzt, die Verantwortlichen nehmen die Probleme endlich genügend ernst".

Quelle: Agenturen