Experte: Moskaus hybride Kriege seit Sowjetzeit bekannt
"Was Russland derzeit in Europa macht durch hybride Maßnahmen - Stichwort Drohnen und Drohnenüberflüge - ist, dass man versucht, Staaten an den Rand einer Krise zu bringen oder zu demoralisieren, indem man einen Keil zwischen der Bevölkerung und der Staatsführung treibt", sagte Reisner. Hybride Kriegsführung finde vor allem im Cyber- und Informationsraum statt, ergänzte der Historiker und Leiter der Offiziersausbildung in der Theresianischen Militärakademie des österreichischen Bundesheers.
In der ersten Phase der hybriden Kriegsführung gehe es darum, Informationen einzuholen: in der "Phase der Ausspähung" würden Bereiche der kritischen Infrastruktur ausspioniert und teilweise unterwandert. In der darauffolgenden "Phase der Beeinflussung" sei eine Verhaltensänderung das Ziel. Reisner berichtete, dass etwa die Friedensbewegung von russischen Agenten unterwandert sei. Diese würden Maßnahmen diskreditieren, die der Verteidigungsbereitschaft Europas und einzelner Staaten dienen. Auch migrantische Communitys würden gezielt angesprochen.
Im nächsten Schritt fänden Sabotageakte statt. Der Militärexperte nannte konkrete Anschlagsversuche wie auf einen Kommunikationsmasten in Schweden, auf die Wasserversorgung sowie das Bahnnetz in Polen sowie auf Unterseekabel. Reisner erwähnte ebenfalls die Vorhaben von Hackern, einen norwegischen Damm zu kontrollieren oder den Versuch, Sprengstoffpakete an Bord von Flugzeugen zu schmuggeln. Zuletzt gab es Festnahmen im Zusammenhang mit Bestrebungen, deutsche Kriegsschiffe zu beschädigen.
145 Sabotageakte
Die Nachrichtenagentur AP zählt bereits 145 Vorfälle (Stand Dezember) "einer von Russland orchestrierten Kampagne zur Destabilisierung Europas". Associated Press beruft sich dabei auf westliche Beamte. Demnach zielt die Kampagne, die seit der Invasion der Ukraine durch Russland im Februar 2022 geführt werde, darauf ab, Kiew Unterstützung zu entziehen, die Europäer zu spalten und Sicherheitslücken aufzudecken.
Auch Drohnenüberflüge dienen mehreren Zielen, erläuterte Reisner. Bezweckt werde einerseits, Waffenlieferungen sowie kritische Infrastruktur auszuspähen, Militärbasen aufzuklären und andererseits auch "Angst und Schrecken auszulösen". Zudem seien die von Drohnenflügen betroffenen Staaten weniger bereit, Luftabwehrmittel in die Ukraine zu senden, weil sie sie für den eigenen Schutz brauchen.
Als Hauptakteure des russischen hybriden Kriegs nennt Reisner fünf "Bären": Das russische Außen- und das Verteidigungsministerium sowie die drei Geheimdienste GRU, SWR und FSB. Darüber hinaus gebe es zahlreiche weitere Protagonisten wie etwa Medien, Oligarchen, Kreml-nahe Unternehmen sowie Institutionen. Russland erhalte außerdem Unterstützung durch Länder wie China, Nordkorea, aber auch Indien.
Bedrohung als Chance?
Reisner plädierte gleichzeitig dafür, die Bedrohung auch als "Chance" zu sehen. Er verwies darauf, dass Staaten wie etwa Deutschland bereits überlegen, Sabotageakte als "vorgestaffelte Kriegsführung einzustufen". Das bedeute, dass sie sich im Rahmen ihrer militärischen Landesverteidigung dafür vorbereiten, dass es "vielleicht sogar notwendig ist, zurückzuschlagen, um diesen Angriffen einen Riegel vorzuschieben". Europa sei gefordert, all jene Maßnahmen zu treffen, damit es Gegnern nicht gelinge, Angriffe durchzuführen, betonte der Experte.
Zusammenfassung
- Russland setzt laut Militärexperte Markus Reisner seit der Sowjetzeit bekannte hybride Kriegsführung ein, die auf Demoralisierung, Destabilisierung und das Auslösen von Krisen in Europa abzielt.
- Die Nachrichtenagentur AP berichtet von 145 Sabotageakten seit Februar 2022, darunter Anschläge auf kritische Infrastruktur in mehreren europäischen Ländern und Drohnenüberflüge, die auch die Bereitschaft zur Unterstützung der Ukraine beeinflussen.
- Als Hauptakteure der russischen Kampagne nennt Reisner das Außen- und Verteidigungsministerium sowie die Geheimdienste GRU, SWR und FSB, während Russland zusätzlich Unterstützung von Ländern wie China, Nordkorea und Indien erhält.
