Experte: "Europa wird nicht in den Iran-Krieg hineingezogen"
Europa spiele in der eskalierenden Krise im Nahen Osten derzeit kaum eine Rolle, sagt Stefan Lehne, Senior Fellow beim Thinktank Carnegie Europe. "Wir stehen in einer großen Krise der transatlantischen Beziehungen", betont er. US-Präsident Donald Trump habe Europa nicht in seine Entscheidung, den Iran anzugreifen, involviert. Zusätzlich sei sich Europa nicht einig in seiner Reaktion auf den Krieg. Die beiden Extreme bilden demnach der spanische Premierminister Pedro Sanchez, der im Krieg einen Bruch des internationalen Völkerrechts sieht, und der deutsche Kanzler Friedrich Merz, der sich "eigentlich hinter die amerikanisch-israelische Aktion gestellt" habe, so der Experte.
Während Europa politisch nur begrenzten Einfluss auf den Konflikt habe, seien die wirtschaftlichen Folgen bereits weltweit spürbar. Der Iran übe durch die Golfstaaten und die Straße von Hormuz Druck auf die USA aus. "Die Angriffe bedrohen das zentrale Businessmodell der Golfstaaten", so der Experte, welches auf dem Versprechen eines "Safe Havens" mit sicherem Leben und guten wirtschaftlichen Möglichkeiten beruhe. Auch durch eine Teilblockade der Straße von Hormuz versuche der Iran die Kosten des Krieges in die Höhe zu treiben.
Die Ölpreise sind in Folge des Konfliktes stark gestiegen, was sich sowohl bei den Konsumenten und Konsumentinnen in Europa als auch den USA bemerkbar macht. Während Europa als großer Ölkonsument besonders verwundbar sei, profitierten US-Energieunternehmen, da die Vereinigten Staaten mittlerweile zu den größten Exporteuren von Öl und Gas zählen.
Auch Russland profitiere wirtschaftlich von der Krise im Nahen Osten. Washington ziehe in Erwägung, so der Experte, Sanktionen gegen russische Ölfirmen zu lockern und Indien zu erlauben, wieder vermehrt russisches Öl zu kaufen: "Für (den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr, Anm.) Selenskyj ist das eine sehr schlimme Entwicklung." Die schwächelnde russische Wirtschaft würde dadurch wieder Einkünfte generieren, um seinen Krieg gegen die Ukraine fortzuführen. "Je länger der Konflikt im Iran andauert, desto mehr hilft es den Russen", so Lehne.
Kriegseintritt Europas unwahrscheinlich
Keine Gefahr sieht der Experte auf die Frage, ob Europa in den Krieg hineingezogen werden könnte: "Der Iran hat weder die Kapazitäten noch das Interesse europäische Stützpunkte anzugreifen." Auch die abgefangenen Raketenangriffe auf Zypern und die Türkei sowie die Einwilligung der Briten, den US-Amerikanern ihre militärischen Stützpunkte für defensive Operationen zu verwenden, wertet er nicht als Eskalation. Als wahrscheinlicher sieht der Experte eine größere Bedrohung auf europäische Staaten durch terroristische Angriffe - wie zuletzt in Oslo - oder Cyberangriffe. "Wenn alles im Chaos landet, ist das nicht auszuschließen", so Lehne. Allerdings sei der Iran momentan nicht in der Lage, Terroraktionen im großen Stil in Europa durchzuführen.
Sollte der Krieg länger andauern, könnte Europa allerdings von verstärkten Fluchtbewegungen aus dem Iran betroffen sein - insbesondere dann, wenn zivile Infrastruktur massiv getroffen würde und dadurch Versorgungsengpässe entstünden. Doch unmittelbar sehe er "keine sehr große Gefahr" für große Flüchtlingsströme, die überdies in erster Linie Irans Nachbarstaaten betreffe würden. Sollten Fluchtbewegungen doch Europa erreichen, sei "ein Kontrollverlust wie im Jahre 2015" nicht absehbar, zumal Europa mittlerweile mit robusteren Systemen ausgestattet sei.
Trotzdem müsse Europa sowohl politisch als auch wirtschaftlich und militärisch robuster auftreten, betont der Experte. Seit der Grönlandkrise Anfang des Jahres gäbe es auch eine größere Entschlossenheit in diesem Bereich. Europa baut derzeit seine militärischen Fähigkeiten aus. Gleichzeitig könnte eine stärkere Aufrüstung Europas angesichts steigender Energiepreise und wirtschaftlicher Unsicherheiten teuer zu stehen kommen.
Iran-Krieg in den USA unbeliebt
Wie lange der Krieg andauert, bleibt allerdings offen. Lehne rechnet derzeit mit einem baldigen Ende der Kampfhandlungen. Gerade die unklar formulierten Kriegsziele hätten Trump einen politischen Vorteil verschafft: Er könne den Krieg jederzeit beenden - und für sich entscheiden. Außerdem, so der Experte, sei Trump ein Opportunist, und der Krieg unter der amerikanischen Bevölkerung unbeliebt. Angesichts der nahenden Midterm-Wahlen in den USA könne Trump den Krieg nicht mehr lange innenpolitisch rechtfertigen.
Das habe zur Folge, dass die Region instabil bleibe. Iran könnte sein Nuklearprogramm und die Raketenproduktion wieder aufnehmen, was einen erneuten Angriff der USA provozieren könnte. Europa müsse sich auch auf einen instabilen Iran und einen potenziell längerfristigen Konflikt vorbereiten.
Doch der Experte bleibt positiv: "Trump ist nicht für immer da", meinte er. Lehne hofft auf eine Rückkehr zu einer regelbasierten Ordnung, welche Europa immer angestrebt habe. Europa müsse sich weiter engagieren, im Inneren stärker werden und Allianzen mit ähnlich gesinnten Staaten schließen - wie Kanada, Australien, Japan oder Südkorea. Auch der Globale Süden wisse, dass aufgrund der vernetzten Wirtschaft eine globale Ordnung notwendig ist. "Das wird nicht leicht sein, das wird schwierig sein. Aber es lohnt sich die Mühe", so der Experte.
(Das Gespräch führte Maia Mayböck/APA)
Zusammenfassung
- Europa bleibt im Iran-Konflikt politisch gespalten und steht laut Experte Stefan Lehne am Rand des Geschehens.
- Eine direkte militärische Verwicklung Europas ist unwahrscheinlich, da der Iran weder Kapazitäten noch Interesse an Angriffen auf europäische Ziele hat.
- Die wirtschaftlichen Folgen, insbesondere steigende Energiepreise, treffen Europa als großen Ölkonsumenten härter als die USA, die von ihren Exporten profitieren.
- Russland profitiert von der Krise durch mögliche Lockerung von US-Sanktionen und erhöhte Öleinnahmen, was laut Lehne negative Folgen für die Ukraine hat.
- Als größere Gefahr für Europa sieht der Experte Terroranschläge oder Cyberangriffe, während massive Flüchtlingsströme aktuell nicht erwartet werden.
