Ex-Botschafter der Ukraine: "Die Leichensäcke werden in beide Richtungen fahren"

22. Feb. 2022 · Lesedauer 3 min

Der Ex-Botschafter der Ukraine in Wien, Olexander Scherba, vergleicht die Rede Putins damit, vierzig Minuten lang geohrfeigt zu werden und befürchtet den "unpopulärsten Krieg in der neuesten Geschichte Russlands". Eine "wahnsinnige" Reaktion wie die Putins hätte niemand erwartet und man frage sich, wie viel Sinn hier noch Diplomatie mache.

Das Mitgefühl, dass der Ukraine entgegen gebracht werde, sei "überwältigend", bedankt sich der ehemaligen ukrainischen Botschafter in Wien Olexander Scherba im PULS 24 Interview. Die internationale Unterstützung sei viel stärker als 2014 und passiere schneller. 

"Das wird der unpopulärste Krieg in der neuesten Geschichte Russlands", ist der Politiker überzeugt. "Sie werden Leute töten, die zum großen Teil die gleiche Sprache sprechen, von denen sie behaupten, wir wären ein Volk. Die Soldaten-Särge werden in beide Richtungen gehen." Aber wo sei der Sinn? Die Ukrainer "wollen ein ganz normales europäische Land werden", während die Russen "Greatness" wollen würden. "Aber nicht auf unsere Kosten", betont Scherba. 

Putin-Rede wie "vierzig Minuten lang" Ohrfeigen

Die Rede Wladimir Putins, in der er am Montag die ostukrainischen Gebiete als unabhängig anerkannt hat, sei für die Ukrainer, als würde man "vierzig Minuten lang geohrfeigt" werden und "hören, wie minderwertig und wie unwürdig eines eigenen Staates wir sind". So etwas "wahnsinniges" hätte niemand erwartet. "Putin hat praktisch den Krieg erklärt." So wie der russische Präsident argumentierte, könne schon in der Nacht auf Mittwoch ein Angriff beginnen. 

Auch wenn er hoffe, dass es nicht zum Krieg kommt, müsse man sich auf das Schlimmste vorbereiten. Noch sei es ruhig in der Ukraine, es käme weder zu Hamsterkäufen noch würden die Menschen die Banken stürmen. Es käme zu merkwürdigen Szenen. Ein populärer Sänger habe ein Konzert auf der Straße gegeben, um den Leuten Mut zu machen, vor dem Außenministerium seien ihm buddhistische Mönche aufgefallen, die für die Ukraine beten. Aber die Leute lächeln weniger und gehen weniger auf die Straße. Es seien keine normalen Zeiten. 

Putin-Rede schweißt Ukrainer zusammen

Putins Rede "hat unser Blut zum Kochen gebracht" und schweiße die Leute zusammen. Alle Zweifel, was Putin im Schilde führe, seien ausgeräumt. "Hier ist es egal, ob wir russisch sprechen oder ukrainisch sprechen." Es ist "unser Land" und Scherba sei "noch nie stolzer auf meine Nation gewesen, wie in diesen Tagen". "Dieser alte Mann, der uns gestern beschimpft hat, ist im Unrecht. Wir verdienen einen Staat." 

Fraglich sei, wie weit man mit Diplomatie noch kommt, "wenn der Mann dich als unwürdig und minderwertig sieht und davon überzeugt ist." Man müsse Stärke zeigen, wenn das Schlimmste bevorstehe. 

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam