APA - Austria Presse Agentur

Erster Coronafall im Bürgerkriegsland Jemen

10. Apr 2020 · Lesedauer 4 min

Kurz nach dem Beginn einer neue Waffenruhe im Jemen hat das vom Bürgerkrieg zerrüttete arabische Land seinen ersten Coronafall gemeldet. Dieser sei in der von Regierungstruppen kontrollierten Provinz Hadramaut aufgetreten, wie der Notstandsausschuss der Regierung am Freitag via Twitter mitteilte. Die Vereinten Nationen zeigten sich höchst alarmiert.

Kurz nach dem Beginn einer neue Waffenruhe im Jemen hat das vom Bürgerkrieg zerrüttete arabische Land seinen ersten Coronafall gemeldet. Dieser sei in der von Regierungstruppen kontrollierten Provinz Hadramaut aufgetreten, wie der Notstandsausschuss der Regierung am Freitag via Twitter mitteilte. Die Vereinten Nationen zeigten sich höchst alarmiert.

Der Corona-Infizierte in der südlichen Ortschaft Chahr wird den Angaben zufolge medizinisch versorgt. Sein Zustand sei stabil. Am Freitag wurde in Chahr sowie der Umgebung eine 24-stündige Ausgangssperre verhängt.

Im Jemen herrscht seit mehr als fünf Jahren ein Bürgerkrieg. Wegen der großen humanitären Not in dem ohnehin bettelarmen Land befürchten Hilfsorganisationen viele Opfer, sollte sich die Lungenkrankheit Covid-19 dort ausbreiten. Nach UN-Angaben brauchen im Jemen 24 Millionen Menschen - rund 80 Prozent der Bevölkerung - Hilfe. Die UNO spricht von der schlimmsten humanitären Krise der Neuzeit.

Die Menschen im Jemen leiden schon jetzt unter einer Hungersnot und haben immer wieder mit Denguefieber und Cholera-Ausbrüchen zu kämpfen. Nur knapp die Hälfte aller Gesundheitseinrichtungen arbeitet in vollem Umfang. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) richtete deshalb einen dringenden Appell an die Autoritäten im Jemen, "humanitäre Helfer und Hilfsgüter ins Land zu lassen".

Nach über fünf Jahren Bürgerkrieg seien Menschen im ganzen Land so wenig immun und so anfällig für Krankheiten wie sonst kaum eine andere Bevölkerung auf der Welt, warnte die UN-Nothilfekoordinatorin für den Jemen, Lise Grande. "Was dem Jemen droht, ist beängstigend." Sollten sich weitere Menschen infizieren, werde es wahrscheinlich mehr schwere Erkrankungen als anderswo geben. Speziell ausgebildete Teams bemühen sich demnach darum, die Kontaktpersonen des Patienten zu finden und zu isolieren.

Die vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen hatten im Jahr 2014 große Teile des Landes überrannt, darunter die Hauptstadt Sanaa. Sie kämpfen gegen die internationale anerkannte Regierung. Diese wird von einer von Saudi-Arabien angeführten Koalition unterstützt.

Das Militärbündnis hatte am Mittwochabend überraschend einseitig eine zweiwöchige Waffenruhe verkündet, die vorsichtige Hoffnung auf ein Ende der Gewalt in dem Land aufkommen ließ. Die Waffenruhe könne verlängert werden, um den Weg zu Gesprächen mit den Houthi-Rebellen zu ebnen, teilte Bündnissprecher Turki al-Malki der staatlichen saudischen Agentur SPA zufolge mit. Ziel sei auch, die Ausbreitung des Coronavirus in dem völlig verarmten Land zu verhindern.

Diese Waffenruhe wird jedoch von den vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen als "politisches Manöver" abgelehnt. So habe die Koalition trotz der für Donnerstagmittag angekündigten Feuerpause ihre Luftangriffe nicht eingestellt, sagte Houthi-Sprecher Mohammed Abdelsalam dem Nachrichtensender Al-Jazeera am Donnerstag. "Wir halten die Waffenruhe für ein politisches und mediales Manöver", um das Image der Koalition in "diesem kritischen Moment, in dem die Welt der Coronavirus-Pandemie gegenübersteht", zu stärken.

In der Vergangenheit sind alle Versuche gescheitert, den Konflikt im Jemen zu beenden. Das sunnitische Saudi-Arabien und seine Verbündeten sehen in den Houthis einen Verbündeten des schiitischen Iran und wollen verhindern, dass Teheran seinen Einfluss ausbaut.

Das Bündnis bombardiert seit März 2015 Ziele im Jemen. Dabei wurden mehrfach auch viele Zivilisten getötet. Seit Ende 2014 kamen im Jemen schätzungsweise 112.000 Menschen ums Leben, darunter 12.600 Zivilisten bei gezielten Angriffen. Den letzten großen Fortschritt gab es im Dezember 2018 in Stockholm. Das dort unter UN-Vermittlung geschlossene Abkommen - darunter eine Waffenruhe für die wichtige Hafenstadt Hodeidah - wurde bisher jedoch nicht vollständig umgesetzt.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres und sein Sondervermittler Martin Griffiths begrüßten die einseitige Waffenruhe. Griffiths erklärte, er sei dankbar, dass Saudi-Arabien und dessen Verbündete "diesen für den Jemen kritischen Moment erkannt" hätten.

Die Houthis und ihre Verbündeten sind nach Einschätzung von Experten heute so stark und gut organisiert wie seit Jahren nicht mehr. Sie haben ihr Waffenarsenal schrittweise modernisiert und greifen mit Drohnen und Raketen regelmäßig Ziele in Saudi-Arabien an.

Quelle: Agenturen