Ein Jahr Krieg - Experte: Österreich könnte mutiger sein

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Nach Ansicht des Militärexperten Franz-Stefan Gady könnte die Bundesregierung angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine "mutiger" sein. So könne Österreich etwa an der Ausbildung ukrainischer Streitkräfte an Leopard 2 Panzern teilnehmen, was "durchaus vereinbar mit der Neutralität" wäre, sowie sich auch an der EU-Trainingsmission für Ukrainer beteiligen, sagt Gady der APA. Die Fähigkeiten des Bundesheers dafür "sind vorhanden", ergänzt Brigadier Philipp Eder.

Einig sind sich die beiden Experten darin, dass es wichtig und notwendig sei, die konventionellen Fähigkeiten des Bundesheeres, "die Jahrzehnte vernachlässigt wurden", wieder zu stärken, so Eder: "Wir sehen, wie schnell sich die sicherheitspolitische Lage ändern kann." Gady: Österreich müsse in die Fähigkeiten und Kapazitäten seiner Streitkräfte investieren. "Die konventionelle Abschreckung kann auch Konflikte bzw. zukünftige Kriege abschrecken."

Eine direkte Ausweitung der kriegerischen Handlungen auf Europa erwarten beide Experten nicht. Eder erklärt dies mit der Tatsache, dass "der russischen Föderation am Boden die Kräfte zu so etwas fehlen". Eine Bodeninvasion zum Beispiel in der Republik Moldau würde daher "militärisch keinen Sinn machen". Russland versuche auch einen versehentlichen Angriff auf NATO-Länder zu vermeiden und setze im Westen der Ukraine Präzisionswaffen ein, "um genau das zu verhindern", erläutert der Leiter der Abteilung Militärstrategie beim österreichischen Bundesheer. Sollte es zu einem versehentlichen Beschuss von NATO-Gebiet kommen, sei wie auch bei den zwei bisherigen Vorfällen - der abgestürzten Militärdrohne in Kroatien und dem Raketeneinschlag im Osten Polens mit zwei Toten - Gelassenheit gefragt, sagte Eder.

Auch Gady, Analyst am Institute for International Strategic Studies (IISS) in London, fordert, im Fall des Falles "kühlen Kopf" zu bewahren und alles zu tun, um einen direkten Krieg zwischen der NATO und Russland zu verhindern. "Die einzige Vorgehensweise wäre, öffentlich zu verkünden, dass mit eingeschlagenen Raketen zusätzliche Waffenlieferungen und immer mehr an Unterstützung für die Ukraine stattfinden werden." Eine direkte Konfrontation zwischen NATO und Russland sei auch im Fall der Lieferung von Kampfflugzeugen zu vermeiden. "Kampfflugzeuge werden früher oder später kommen", ist sich Gady sicher. Dabei gehe es darum, zu schauen, wie sie in die Ukraine kommen und mit welchen Waffen sie bestückt werden. Kein NATO-Pilot dürfe in die Ukraine fliegen und die Systeme dorthin bringen, warnt der Experte.

Gady denkt, dass die Ukraine vor allem Flugabwehrsysteme brauche, also Flugabwehrraketen und gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie sowie Panzerhaubitzen. Kampfpanzer dagegen seien von sekundärer Wichtigkeit. "Es ist hauptsächlich ein Artilleriekrieg, der hier geführt wird", erklärt er. "Hier braucht es einen stetigen Fluss an Munition." Die Achillesferse auf ukrainischer Seite könnten zwei Punkte sein: Einerseits der Nachschub an Munition. "Da müsste eigentlich jetzt die Produktion massiv nach oben geschraubt werden." Und zweitens die Militärlogistik: Verschiedene Waffensysteme und das langsame Vorgehen des Westens hierbei sorgten für komplexe logistische Ketten, um die Systeme instand zu halten und mit Munition sowie Kraftstoffen zu versorgen.

Während Eder aktuell im Krieg einen "Stillstand" sieht, weil beiden Seiten Gerät und Personal zur mobilen Kriegsführung fehle, geht Gady davon aus, dass die russische Offensive bereits angelaufen ist. Es handle sich aber um kleinere Angriffe nur auf Zugskompanie-Ebene, 20 bis 200 Mann, die hier einzelne Vorstöße im Donbass wagen. "Am Anfang hatten die Russen ein Defizit an Infanterie, also an russischen Soldaten. Durch die Mobilisierung konnten sie das ausgleichen", erklärt Gady. Im Moment gebe es auf russischer Seite genügend Manpower, aber teilweise Defizite, was Artilleriemunition, gepanzerte Fahrzeuge und Kampfpanzer betreffe. Und Eder ergänzt: Die russische Seite habe aufgrund der westlichen Sanktionen Probleme, die Munitions- und Waffenproduktion zu hochzufahren und ihre Arsenale aufzufüllen.

Beide Seiten werden nun versuchen, wieder beweglicher zu werden und an der langen Front Durchbrüche zu erzielen, so Eder, der nicht damit rechnet, dass in den nächsten Monaten wirklich Kriegsentscheidendes geschieht. Eine Rückeroberung der von Russland 2014 annektierten Krim durch die Ukraine scheint schwierig. Die Russen verstärken die Verteidigungslinien nördlich der Krim massiv, berichtet Eder. "Ich persönlich denke, dass bei der Krim zu befürchten ist, dass die Russen über den Einsatz taktischer Nuklearwaffen nachdenken". Für die russische Führung sei die Krim "eine rote Linie".

Auch Gady betont, dass die nukleare Dimension nicht außer Acht gelassen werden dürfe. "Ich sehe das nukleare Potenzial insofern als nicht sehr hoch, weil die russische Seite glaubt, sie hat eine Strategie gefunden, wie sie diesen Krieg führen kann." Der Fokus liege auf der Donbass-Region und Russland versuche, den Konflikt in die Länge zu ziehen in der Hoffnung, "dass irgendwann einmal der westliche Wille zusammenbricht". Aufgrund der Munitions- und Ausrüstungslage wagt auch Gady zu bezweifeln, dass die Russen in der Ostukraine in den nächsten Monaten ihr Ziel erreichen werden.

Solange der Krieg andauere, habe Russlands Präsident Wladimir Putin aber bereits ein Ziel erfüllt: "Solange dort Krieg geführt wird, wird die Ukraine nicht in die EU und nicht in die NATO kommen", erklärt Eder. Aus diesem Grund könnte es Putin auf einen eingefrorenen Konflikt, der immer wieder aufflammt, abzielen. Ein Frieden sei nur erreichbar, wenn die USA und Russland in Verhandlungen über eine größere Sicherheitsordnung in Europa zu einem Weg finden, bei dem auch die Bedürfnisse der Ukraine sowie von Ländern wie Georgien berücksichtigt werden. Auch die Ukraine "muss kompromissfähig werden". Für die Ukraine kann sich der Bundesheer-Experte einen Neutralitätsstatus wie Österreich vorstellen.

ribbon Zusammenfassung
  • Nach Ansicht des Militärexperten Franz-Stefan Gady könnte die Bundesregierung angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine "mutiger" sein.
  • Die Fähigkeiten des Bundesheers dafür "sind vorhanden", ergänzt Brigadier Philipp Eder.
  • Solange der Krieg andauere, habe Russlands Präsident Wladimir Putin aber bereits ein Ziel erfüllt: "Solange dort Krieg geführt wird, wird die Ukraine nicht in die EU und nicht in die NATO kommen", erklärt Eder.

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