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Ein halbes Jahr Krieg in der Ukraine

23. Aug. 2022 · Lesedauer 5 min

Vor einem halben Jahr hat der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine begonnen. Der 24. August markiert zugleich den 31. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich in einer aufgezeichneten Rede anlässlich des Unabhängigkeitstages seines Landes kämpferisch gegeben.

Als Russland seine Invasion am 24. Februar begonnen habe, sei die Ukraine wiedergeboren worden, sagte er und bekräftigte das Ziel, die annektierte Halbinsel Krim und die besetzten Gebiete im Osten der Ukraine zurückzuerobern. Er betonte, dass er den Krieg nicht dann für beendet betrachten werde, wenn es Frieden gebe, sondern wenn sein Land gesiegt habe. "Wir werden kämpfen bis zum Schluss", sagte der 44-Jährige.

Auch Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sagte in einer Videobotschaft: "Wir werden alles überstehen, egal, wie schwer es ist. Wir werden siegen!"

Trotz der kämpferischen Ansagen: Aus Furcht vor russischen Raketengriffen haben die Behörden in der ukrainischen Hauptstadt Kiew alle Großveranstaltungen rund um den Unabhängigkeitstag am heutigen Mittwoch verboten. Nach Angaben der USA bereitet Russland neue Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine vor.

Am 24. Februar startete die russische Armee die Angriffe auf den souveränen Nachbarstaat. Seitdem haben die russischen Einheiten vor allem Teile der Südukraine und im Osten des Landes besetzt. Rund 6,4 Millionen Menschen sind mittlerweile aus der Ukraine geflohen. Mit milliardenschwerer Militärhilfe des Westens gelangen der Ukraine spektakuläre Gegenschläge. Kiew will die russischen Angreifer gänzlich aus dem Land vertreiben. Die NATO verstärkte umgehend ihre Verteidigungspläne für die osteuropäischen Bündnispartner. Die EU und die USA belegten zahlreiche russische Banken mit Strafmaßnahmen und schlossen mehrere Finanzinstitute aus dem Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift aus. Die EU hat mittlerweile sieben Sanktionspakete gegen Russland verabschiedet, enthalten ist auch ein weitgehendes Ölembargo.

Nach ukrainischen Angaben wurden in dem Krieg bisher fast 9.000 ukrainische Soldaten getötet, außerdem kamen tausende Zivilisten bei Angriffen ums Leben. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft prüft fast 26.000 Fälle von Kriegsverbrechen seit Beginn der Invasion. Nach Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums wurden auf russischer Seite 70.000 bis 80.000 Menschen getötet oder verletzt. Offizielle Angaben zu Opferzahlen gibt es von russischer Seite nicht. Russland bezeichnet den Krieg als Spezialoperation mit dem Ziel, militärische Kapazitäten zu zerstören sowie im Zuge einer "Entnazifizierung" gegen als gefährlich eingestufte Nationalisten vorzugehen.

Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) gratulierte der Ukraine in einem Twitter-Video auf Englisch zum Unabhängigkeitstag. Der Bundeskanzler verurteilte dabei die "brutale russische Aggression", die zur schlimmsten europäischen Sicherheitskrise seit dem Zweiten Weltkrieg geführt habe. Kriegsverbrecher müssten zur Verantwortung gezogen werden, hier dürfe es keine Straflosigkeit geben, so Nehammer.

Das österreichische Außenministerium versicherte "unseren Freunden in Kiew" anlässlich des Unabhängigkeitstages, weiterhin an der Seite der Ukraine zu stehen.

Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz gratulierte der Ukraine zu ihrem Unabhängigkeitstag und drückte sein Mitgefühl für die Opfer des Krieges aus. Scholz versicherte, die Ukraine weiterhin zu unterstützen.

Auch Großbritannien versicherte der Ukraine Unterstützung im Krieg gegen Russland. Premierminister Boris Johnson traf am Mittwoch überraschend zu einem Besuch in Kiew ein. Es gebe einen "starken Willen der Ukrainer zum Widerstand", den Russlands Präsident Wladimir Putin nicht verstanden habe, sagte Johnson vor Journalisten. An das ukrainische Volk gerichtet, fügte er hinzu: "Ihr verteidigt euer Recht, in Frieden, in Freiheit zu leben. Deshalb wird die Ukraine gewinnen." Gleichzeitig sagte Johnson Militärhilfe im Volumen 54 Millionen Pfund (rund 64 Mio. Euro) zu.

Die US-Regierung sagte der Ukraine ebenfalls weitere Milliardenhilfen zu. US-Präsident Joe Biden gratulierte zum Unabhängigkeitstag und kündigte am Mittwoch in Washington Unterstützung für Kiew im Umfang von knapp drei Milliarden Dollar (rund drei Milliarden Euro) an. "Damit kann die Ukraine Luftabwehrsysteme, Artilleriesysteme und Munition, unbemannte Luftabwehrsysteme und Radare erwerben, um sich langfristig verteidigen zu können", erklärte Biden.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg zeigte sich überzeugt, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine nicht gewinnen wird. "Die Ukraine muss sich durchsetzen, und die Ukraine wird sich durchsetzen." EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach der Ukraine Unterstützung beim Wiederaufbau.

UNO-Generalsekretär António Guterres äußerte indes keine Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges. "Trotz Fortschritten an der humanitären Front gibt es keine Anzeichen für ein Ende der Kämpfe in der Ukraine - und es gibt neue Gebiete für eine potenzielle gefährliche Eskalation", sagte Guterres am Mittwoch bei einer Sicherheitsratssitzung zu dem Krieg. "Der heutige Tag markiert einen traurigen und tragischen Meilenstein." Die Welt habe "schwere Verletzungen der internationalen Menschenrechtsnormen und des humanitären Völkerrechts erlebt".

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu verteidigte nach einem halben Jahr Krieg das Vorgehen in der Ukraine. Die Ukraine habe nämlich den Friedensplan für die Gebiete im Donbass abgelehnt, sagte Schoigu am Mittwoch der Agentur Interfax zufolge vor Verteidigungsministern der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). "Von Kiew, das sich geweigert hat, die Vereinbarungen von Minsk zu erfüllen, ging eine reale Gefahr für die Menschen im Donbass aus, und in der Perspektive für die Russische Föderation", sagte er. Dass sich das Tempo der Angriffe verlangsamt habe, das sei eine bewusste Entscheidung Moskaus, um Opfer unter Zivilisten zu vermeiden.

Putin befasste sich am heutigen Tag offiziell weniger mit der Ukraine denn mit den Waldbränden, die im eigenen Land wüten. Putin ordnete aber Geldzahlungen für Menschen in den besetzten ukrainischen Gebieten an. In den Gebieten Donezk, Luhansk und Charkiw sowie in Saporischschja und Cherson im Süden sollen Eltern von Kindern im Alter zwischen 6 und 18 Jahren einmalig 10.000 Rubel (knapp 170 Euro) erhalten, wie aus einer Kreml-Mitteilung hervorgeht.

Quelle: Agenturen