APA - Austria Presse Agentur

Dutzende Tote bei Anschlägen in Afghanistan

25. Okt 2020 · Lesedauer 4 min

In der afghanischen Hauptstadt Kabul hat ein Selbstmordattentäter viele Schülerinnen und Schüler in den Tod gerissen. Mindestens 24 überwiegend junge Menschen wurden getötet und 57 weitere verletzt, wie das Innenministerium am Sonntag bekannt gab. Der Attentäter hatte sich Zugang zu einem Bildungszentrum im Westen der Stadt verschaffen wollen. Als er von Sicherheitskräften bemerkt wurde, sprengte er sich in einer Gasse in die Luft.

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte den Anschlag kurz darauf für sich. Ein "Märtyrer-Ritter" habe einen Sprengstoffgürtel in einer Ansammlung von Schiiten gezündet, teilte der IS auf seiner Plattform Nashir News mit. Bereits in der Vergangenheit hatte der IS Anschläge in dem Stadtteil Dasht-e-Barchi verübt.

Ein Schüler beschrieb dem Fernsehsender Tolonews Momente vor dem Anschlag: "Die Wachen hatten ihn bemerkt und eilten zu ihm, doch dann sprengte er sich in die Luft", sagte der verletzte Farid von seinem Krankenhausbett aus. "Ich bin auf den Boden gefallen, und nach einer Weile, als ich mich umgesehen hatte, sah ich eine furchtbare Szene." Fernsehsender zeigten Bilder verzweifelter Angehöriger, die um ihre getöteten Kinder trauerten.

Die UNO-Mission in Afghanistan bezeichnete den Selbstmordanschlag als herzloses Kriegsverbrechen. Regierung und Spitzenpolitiker verurteilten das Attentat aufs Schärfste. "Feige und gottlose Terroristen haben durch diesen Angriff auf unschuldige Kinder und Studenten gezeigt, dass sie sich an keine Religion oder Prinzipien halten", sagte Abdullah Abdullah, Vorsitzender des afghanischen Hohen Rats für Versöhnung, einer Mitteilung zufolge.

Die militant-islamistischen Taliban, die in der Vergangenheit Anschläge in Kabul verübt hatten, dementierten umgehend, für das Bombenattentat verantwortlich zu sein. Sie verhandeln mit einer Delegation in der katarischen Hauptstadt Doha seit September über Frieden. Doch die Gewalt geht im Land weiter, vor allem in den Provinzen sterben bei Gefechten noch immer viele Menschen.

Seit Wochen gibt es in Afghanistan erneut schwere Gefechte. Im Süden starben nach einer Taliban-Offensive in der Provinz Helmand inzwischen mehr als 100 Zivilisten, zehntausende Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben. Im Norden wurden in der Provinz Takhar bei einem Taliban-Angriff mehr als 40 Soldaten getötet. In derselben Provinz bombardierte die afghanische Luftwaffe eine Moschee, weil sie dort Talibankämpfer vermuteten. Es starben zwölf Kinder.

In der Hauptstadt Kabul gab es lange Zeit keine größeren Bombenanschläge mehr, seitdem die Taliban im Februar mit den USA ein Abkommen unterzeichnet hatten. Stattdessen wurden viele Politiker, Geistliche sowie Intellektuelle gezielt getötet. Der mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadtteil Dasht-e-Barchi war immer wieder Ziel von Anschlägen. Sunnitische Extremisten wie die Mitglieder der IS-Terrormiliz bekämpfen Schiiten als Abtrünnige.

Im März verübte der IS zwei Anschläge in Westkabul mit Dutzenden Toten, Ziel waren Schiiten sowie Anhänger der Sikh-Religion. Bei einem Anschlag auf eine Geburtsstation im Mai töteten Unbekannte 24 Menschen, darunter viele Mütter mit ihren neugeborenen Kindern. Die USA machten den IS dafür verantwortlich.

Eine Spezialeinheit der afghanischen Streitkräfte tötete unterdessen nach eigenen Angaben den ranghohen Al-Kaida-Anführer Abu Muhsin al-Masri. Der Einsatz zur gezielten Tötung des Ägypters sei in der zentralafghanischen Provinz Ghazni erfolgt, teilte die Nationale Sicherheitsdirektion, Afghanistans Inlandsgeheimdienst, am späten Samstagabend im Online-Dienst Twitter mit. Genauere Angaben zu dem Einsatz machte sie nicht.

Aus Geheimdienstkreisen hieß es, bei dem Einsatz sei außerdem ein Vertrauter al-Masris festgenommen worden. Dieser habe "Kontakt mit den Taliban" gehabt.

Der auch unter dem Namen Husam Abd-al-Ra'uf bekannte al-Masri soll die Nummer zwei der Al-Kaida in Südasien gewesen sein und stand auch auf der Liste der meistgesuchten Terroristen der US-Bundespolizei FBI. Im Dezember 2018 hatten die USA einen Haftbefehl für al-Masri ausgegeben. Das FBI beschuldigte ihn der Unterstützung einer ausländischen Terrororganisation und der Verschwörung zur Tötung von US-Bürgern.

Die Tötung al-Masris erfolgte inmitten der innerafghanischen Friedensgespräche in Katar, die den jahrelangen Konflikt in dem Land beenden sollen. Die Verhandlungen zwischen der Regierung in Kabul und den radikalislamischen Taliban waren durch ein Abkommen zwischen den USA und den Taliban zustande gekommen, das den schrittweisen Abzug der US-Truppen aus dem Land regelt.

Wegen der anhaltenden Gewalt in Afghanistan gestalten sich die Friedensgespräche jedoch als schwierig. Die afghanischen Behörden machen regelmäßig auch die Taliban für Anschläge auf Sicherheitskräfte und Zivilisten verantwortlich. In ihrem in Doha geschlossenen Abkommen mit den USA hatten sich die Radikalislamisten zu einer Reduzierung der Gewalt verpflichtet. Die USA waren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Afghanistan einmarschiert und hatten die damalige Taliban-Regierung gestürzt.

Quelle: Agenturen