APA - Austria Presse Agentur

Deutsche halten Rennen ums Kanzleramt noch für offen

19. Sept 2021 · Lesedauer 4 min

Eine Woche vor der Bundestagswahl glaubt eine absolute Mehrheit der Deutschen, dass das Rennen um das Kanzleramt noch nicht gelaufen ist. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA im Auftrag von "Bild" (Montagausgabe) hervor. Bei der Befragung von 1000 Bürgern am vergangenen Freitag hatten 55 Prozent der Befragten angeben, dass sie die Wahl für noch nicht entschieden halten.

Lediglich ein Viertel der Wähler geht davon aus, dass am Ergebnis nicht mehr zu verändern sei. Zugleich gab nur knapp jeder Fünfte (18 Prozent der Befragten) an, die eigene Wahlentscheidung noch nicht fix getroffen zu haben. 73 Prozent sagten, ihre Wahlabsicht stehe bereits fest. Am häufigsten unentschieden sind aktuell Wähler, die aktuell zur FDP tendieren (21 Prozent). Den Liberalen dürfte eine entscheidende Rolle bei der Regierungsbildung zukommen. Ihr Chef Christian Lindner präferiert ein Bündnis mit der Union, die aktuellen Umfragen zufolge massiv abstürzen und nur auf dem zweiten Platz landen dürfte.

Im aktuellen Umfrageschnitt von "Politico" liegen die Sozialdemokraten mit 26 Prozent in Führung, während die konservative Union auf 21 Prozent kommt. Die im Frühjahr zeitweise führenden Grünen können mit aktuell 16 Prozent kaum noch im Kanzlerrennen mitmischen. Der FDP und der rechtspopulistischen "Alternative für Deutschland" werden jeweils elf Prozent vorhergesagt, der Linken sechs Prozent.

Die INSA-Umfrage wurde vor dem dritten und letzten Triell der drei Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU/CSU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) am Sonntag durchgeführt. Dieses brachte einer Blitzumfrage zufolge keine Veränderung der Ausgangslage. Scholz kam auch diesmal bei den Zuschauern am besten an. Auf die Frage, wer alles in allem das TV-Triell gewonnen habe, stimmten 42 Prozent für Scholz. Auf Platz zwei landete Armin Laschet (Union) mit 27 Prozent, und Annalena Baerbock (Grüne) kam auf 25 Prozent. Sechs Prozent entschieden sich für die Antwort "Weiß ich nicht".

Auch inhaltlich brache die sehr sachlich ausgetragene Debatte keine wesentlich neuen Erkenntnisse. Laschet, Scholz und Baerbock wiederholten weitgehend ihre Positionen aus zahlreichen Wahlkampfreden und aus den vorherigen beiden Triell-Runden. Der CDU-Vorsitzende kam diesmal aber weniger zum Angriff als in den beiden ersten Triellen. Immer wieder musste er sich gegen Attacken von Scholz und Baerbock wehren, die etwa in der Sozialpolitik einen Schulterschluss demonstrierten. So lehnte Laschet gleich zu Beginn als Einziger eine Anhebung des Mindestlohns durch den Gesetzgeber ab und war bei diesem Thema in der Defensive.

Die Grünen-Kandidatin, deren Partei mit Umfragewerten von 15 bis 16 Prozent derzeit sogar um den dritten Platz kämpfen muss, präsentierte sich im dritten Triell am angriffslustigsten. Scholz hatte es im Vergleich zum letzten TV-Schaukampf leicht. Als erstes Thema kam Armut in Deutschland auf den Tisch, nicht die Geldwäsche-Razzia oder Wirecard, was Scholz beim ARD/ZDF-Triell gleich unter Druck gebracht hatte. Ob er überhaupt nachvollziehen könne, wie es Pflegekräften und anderen gehe, lautete eine Frage. "Unbedingt kann ich das nachempfinden." Im Schulterschluss mit Baerbock an seiner linken Seiten konnte Scholz seinen Wahlkampfschlager 12 Euro Mindestlohn durchbuchstabieren.

Als Baerbock und Laschet über Steuern stritten, demonstrierte der Finanzminister mit einem Grinsen, dass er sich gerne über den Streit stellt. Er umriss die Steuer-Gemeinsamkeiten von SPD und Grünen und kanzelte nebenbei die Unionspläne für Entlastungen als "unfinanzierbar" ab. Baerbocks Angriffe wegen ihrer Ansicht nach zu lahmen Kohleausstiegsplänen versuchte Scholz routiniert an sich abperlen zu lassen.

Baerbock agierte ähnlich wie beim vorherigen Triell. In der Sozialpolitik suchte sie den Schulterschluss mit Scholz. Beim grünen Kernthema Klimaschutz stellte sie sich hingegen gegen beide. Sie warf Scholz und Laschet als den Vertretern der großen Koalition Tatenlosigkeit vor. Auch das bringe Kosten mit sich, argumentierte die Grünen-Chefin: "Wenn wir jetzt nichts tun, dann wird es in Zukunft unbezahlbar." Gezielte Stiche setzte sie insbesondere gegen Laschet.

Quelle: Agenturen