Biden: Weiterer Anschlag in Kabul "in den nächsten 24 bis 36 Stunden"

28. Aug 2021 · Lesedauer 5 min

Die USA halten einen weiteren Anschlag auf den Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul "in den nächsten 24 bis 36 Stunden für sehr wahrscheinlich".

"Die Lage vor Ort ist nach wie vor extrem gefährlich, und die Gefahr von Terroranschlägen auf den Flughafen bleibt hoch", erklärte US-Präsident Joe Biden am Samstag. Dennoch begannen das US-Militär am Samstag mit dem Abzug seiner Truppen vom Flughafen Kabul.

Der US-Präsident drohte dem IS-Ableger IS Khorasan in Afghanistan mit weiteren Vergeltungsschlägen. "Der Angriff war nicht der letzte. Wir werden weiter alle Personen jagen, die in die abscheuliche Attacke verwickelt sind und diese zur Rechenschaft ziehen", sagt Biden.

Nach dem Anschlag vom Donnerstag am Flughafen Kabul mit Dutzenden Toten - darunter auch 13 US-Soldaten - warnte die US-Botschaft erneut vor möglichen Angriffen. US-Bürger sollten bestimmte Tore sofort verlassen oder aufgrund der Gefahrenlage weiterhin gar nicht erst zum Flughafen kommen. Schon vor dem Anschlag, bei dem sich nach US-Angaben ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) an einem Tor in die Luft sprengte, hatten die USA eine entsprechende Warnung ausgegeben.

Abzug von US-Truppen hat begonnen

Kurz zuvor kündigte das US-Militär an, dass es mit dem Abzug seiner Truppen vom Flughafen Kabul begonnen habe. Der Prozess sei gestartet worden, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Samstag. Gleichzeitig widersprach er entschieden Aussagen der militant-islamistischen Taliban, wonach die USA "zwei, drei" Zugänge zum Flughafen in der Nacht zu Samstag an ihre Kräfte übergeben hätten.

Die Taliban hätten Sicherheitskontrollen rund um den Flughafen errichtet, sagte Kirby. "Aber sie kontrollieren keine Tore, sie sind nicht am Flughafen und haben keine Rolle für die Sicherheit", betonte Kirby. Das US-Militär werde noch bis zum geplanten Abzug am Dienstag für Sicherheit und Betrieb des Airports verantwortlich sein, sagte Kirby. Alle Tore des Flughafens stünden weiter unter Kontrolle der US-Soldatinnen und Soldaten. Die Truppen sollen Afghanistan nach Willen von US-Präsident Joe Biden bis Dienstag verlassen.

Am Freitag waren noch mehr als 5.000 am Flughafen Kabul stationiert gewesen. Kirby erklärte, das Militär werde aus Sicherheitsgründen zunächst keine neuen Zahlen zur Truppenstärke nennen. Das US-Militär werde noch bis zum Abschluss des Einsatzes westliche Staatsbürger und frühere afghanische Mitarbeiter ausfliegen können, betonte er.

Rund 112.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen

Nachdem mehrere Verbündete ihre Evakuierungsmission abschlossen, gingen auch die militärischen Rettungsflüge der USA in die Endzüge. Dabei wurden von der US-Luftwaffe und Verbündeten innerhalb von 24 Stunden noch einmal rund 6.800 Menschen aus Kabul ausgeflogen, wie das Weiße Haus am Samstag mitteilte. Seit Mitte August hätten die USA und ihre Partner insgesamt rund 112.000 ihrer Staatsbürger und früherer afghanischer Mitarbeiter ausgeflogen. Das US-Außenministerium erklärte, es seien rund 5.400 Bürger ausgeflogen worden, etwa 350 Amerikaner seien noch im Land und wollten ausreißen. Die allermeisten Evakuierten waren Afghanen. Mittelfristig will das US-Militär bis zu 50.000 Afghanen in Stützpunkten in den USA unterbringen.

Deutschland hatte seine Luftbrücke am Donnerstag beendet, Frankreich und Spanien am Freitag. Die britischen Truppen sollten am Wochenende folgen.

Anschlag am Donnerstag tötete Dutzende Menschen

Bei dem Anschlag wurden nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums 13 US-Soldaten im Alter von zwischen 20 und 31 Jahre getötet. Unter den Opfern waren elf Marineinfanteristen und je ein Soldat des Heeres und der Marine. Fünf der Marineinfanteristen waren gerade mal 20 Jahre alt. Unter den Opfern waren auch eine 23 sowie eine 25 Jahre alte Soldatin. Das Ministerium veröffentlichte, wie in den USA üblich, auch die vollen Namen der Getöteten. Über die Dutzenden zivilen Opfer des verheerenden Anschlags vom Donnerstag außerhalb des Flughafens der afghanischen Hauptstadt ist hingegen bisher wenig bekannt.

Die Soldaten waren an einem Tor des Flughafens im Einsatz, um Menschen zu kontrollieren, die aus Kabul evakuiert werden wollten. Die Särge der getöteten Soldaten waren in einem Flugzeug auf dem Weg in die USA, wie Kirby am Samstag erklärte.

USA töten örtliche IS-Mitglieder mit Drohnenangriff

Das US-Militär tötete bei einem Vergeltungsschlag in der Provinz Nangarhar nach eigenen Angaben zwei ranghohe Vertreter des örtlichen IS-Ablegers IS Khorasan (IS-K). Ein weiterer sei verletzt worden, erklärte Generalmajor William Taylor am Samstag im Pentagon. Nach dem unbemannten Luftangriff hatte das Militär am Freitagabend (Ortszeit) zunächst angegeben, "einen Planer" des tödlichen Terroranschlags in Kabul getötet zu haben.

Nun gehe man davon aus, einen Planer und einen Unterstützer des Vorhabens getötet zu haben, hieß es. Es gebe nach bisherigen Erkenntnissen keine zivilen Opfer, sagte Taylor. US-Präsident Joe Biden hatte nach dem IS-Angriff Rache geschworen.

Das US-Militär soll noch bis Dienstag Menschen in Sicherheit bringen, allerdings wird die Zahl der ausgeflogenen Personen wegen des gleichzeitigen Abzugs von Soldaten und Ausrüstung sinken. Die Lage um den Flughafen ist seit Machtübernahme der Taliban chaotisch und extrem gefährlich.

Quelle: Agenturen / Redaktion / hos