APA - Austria Presse Agentur

Belarussische Regimekritiker verlieren die Hoffnung nicht

08. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

Ein Jahr nach der Präsidentschaftswahl in Belarus und trotz immer brutaleren Vorgehens des Regimes von Präsident Alexander Lukaschenko geben die demokratischen Kritiker nicht auf. Sie verlieren auch die Hoffnung nicht, wie die belarussische Dichterin Julia Cimafiejeva, die derzeit in Graz lebt, berichtet. Die Autorin hat die Ereignisse seit der umstrittenen Wiederwahl Lukaschenkos vom 9. August 2020 in ihrem neuen Buch "Minsk.Tagebuch" in eindrücklichen Worten festgehalten.

In drei Teilen schreibt Cimafiejeva auf knapp 120 Seiten chronologisch, wie sie selbst an der Wahl teilgenommen hat (erstmals wieder seit 2001). Sie erzählt von den Demonstrationen, von der Revolution in ihrem Heimatland. Am Anfang dominierten Angst, aber auch Zuversicht angesichts dessen, dass in Belarus (Weißrussland) Menschen auf die Straßen gingen, um ihre Entrüstung über Wahlfälschung, über Folter, Verhaftung und Morde zu zeigen. "Ich bin so aufgekratzt, ich möchte so gern glauben, dass wir bald in einem freien Land leben", notiert Cimafiejeva am 16. August.

Doch mit der Zeit kommen immer mehr Rückschläge. "Angesichts von Verhaftungen, Schlägen, Entführungen und Folter - undenkbar in demokratischen Ländern - fragen wir uns manchmal, ob all dieser Kampf es wert ist. Aber wenn wir versuchen, uns vorzustellen, was uns erwartet, falls wir aufgeben, dann wird klar, dass es keinen Weg zurück gibt", schreibt Cimafiejeva am 1. Oktober. Am 11. März folgt dann der Eintrag: "Manchmal denke ich, dass sie mit imaginären Feinden kämpfen: grausam, brutal, stark, bis an die Zähne bewaffnet, echte Superkriminelle - die nur in den Köpfen der belarussischen Machthaber existieren." Aber, so Cimafiejeva ironisch weiter, "blöderweise haben sie es nur mit diesem jämmerlichen Volk zu tun, das keinerlei Aggression zeigen will, das mit Blumen und Plakaten herumläuft und - dieses Idiotenpack - jeden Zusammenstoß vermeidet."

Gegenüber der APA erklärt Cimafiejeva, "weiterhin hoffnungsvoll" zu sein. "Habe ich eine Alternative? Soll ich die Hoffnung verlieren, hier als Gast in Graz, wo ich sicher bin, während meine Freunde und Angehörigen dort im Gefängnis sind?" Die politischen Gefangenen würden die Hoffnung auch nicht verlieren. Hoffnung sei "essenziell, um einen Wandel zu bringen". Die Instrumente von Lukaschenkos Macht seien Gewalt, Unterdrückung, Liquidation, Einschüchterung. "Welches Land kann auf solchen Fundamenten stehen?"

Seit November ist Cimafiejeva in Österreich, wo sie im Rahmen des Programms "Writer in Exile" zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Alhierd Bacharevič, in Graz lebt. Sie bleiben hier bis wahrscheinlich Mai. "Danach sehen wir weiter", sagt die Autorin. Im Moment wollen sie nicht in ihr Heimatland zurückkehren. "Die Repressionen gegen frei denkende und kreative Menschen werden gerade immer stärker. Vor ein paar Tagen wurden mein Bruder und seine Frau von bewaffneten Männern auf einer Geburtstagsparty der Frontfrau einer Folk-Fantasy-Gruppe festgenommen." Insgesamt 14 Personen, fast alle Musiker, seien inhaftiert worden. Nur ein Teil von ihnen kam später gegen Zahlung einer Geldstrafe frei. "Die Lage verschlechtert sich die ganze Zeit. Also nein, ich denke nicht, dass es sicher ist, nach Belarus zurückzukehren."

Aus Graz schreibt sie Briefe an politische Gefangene in belarussischen Gefängnissen. Und sie hat eine neue Art des Protests entdeckt. Am 2. April schreibt Cimafiejeva: "Vor sechs Wochen habe ich mir den Kopf kahl geschoren." Inspiriert hatte sie ein Video von belarussischen Studenten, die sich aus Solidarität mit inhaftierten Kommilitonen und Professoren den Schädel rasierten. Als die ersten dunklen Locken auf den Badezimmerboden fielen, fühlte sie sich besser: erleichtert, entspannt und glücklich. Und sie hat es wiederholt. "Ich habe darüber nachgedacht, warum ich diese Leichtigkeit empfand. Könnte es eine Art von Selbstverstümmelung sein oder eine Art von Opfer? Wenigsten will ich über mein Aussehen entscheiden, wenn ich schon die Rechtlosigkeit im heutigen Belarus und die finsteren Gedanken, die das in mir auslöst, nicht beeinflussen kann."

( S E R V I C E : Julia Cimafiejeva: Minsk. Tagebuch, Verlag Edition.fotoTAPETA Berlin, 128 Seiten, ISBN 978-3-949262-04-3
Internetseite der Kulturvermittlung Steiermark über Cimafiejeva: http://go.apa.at/hYIhqysS )

Quelle: Agenturen