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Ausnahmezustand bei Marathon-Karfreitagsritual in Sizilien

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In der westsizilianischen Provinzhauptstadt Trapani - ein Zentrum der Osterfeierlichkeiten für das ganze katholische Italien - ist am Karfreitag-Nachmittag ein besonderes Prozessionsschauspiel gestartet. Die 70.000-Seelen-Stadt mit ihren geschmückten Gässchen ist wie jedes Jahr seit etwa 400 Jahren in einen regelrechten Ausnahmezustand geraten. Die sogenannte Prozession der Mysterien dauert 24 Stunden bis Karsamstag - ultrapathetisch, im Wiegeschritt zu Trauermärschen.

Die Trapanesi genannten Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner begleiten bis Karsamstag insgesamt 20 Gruppen, die ebensoviele Heiligenfiguren, die sogenannten "Misteri di Trapani" (Trapanesische Mysterienfiguren) kreuz und quer durch die Stadt tragen. Die mitmarschierenden Kapellen bestehen aus Männern und Frauen. Und auch das Tragen der hunderte Kilo schweren und hunderte Jahren alten Mysterienfiguren "stemmen" beide Geschlechter. Start- und Endpunkt ist die Kirche Anime Sante del Purgatorio (Heilige Seelen des Fegefeuers). Insgesamt werden tausende Besucher gezählt, Einheimische und Touristen.

Die Figuren sollen die Leiden Christi zeigen. Die aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammenden Holzstatuen sind reich mit Blumen und riesigen Kerzen geschmückt. Engumschlungen werden die Figuren von jeweils etwa zwei Dutzend Frauen und Männern, den "Massari", im Wiegeschritt-Schneckentempo getragen. Die Tradition dürfte ursprünglich aus der Zeit der spanischen Herrschaft in Sizilien stammen.

Das Wogen der Trägergruppen, die immer wieder auch Pausen für Gebete machen, erinnert an das Wogen des Meeres, das die mondsichelförmige Halbinsel Trapanis an drei Seiten und nur wenige Meter entfernt umschließt. Manchmal kullern einem Massaro Tränen über die Wangen. Augenzwinkernd heißt es hinter vorgehaltener Hand, womöglich schmerze hin und wieder die Musik so sehr, dass dies unausweichlich sei. Weniger trübselig, aber aufgrund der Lautstärke für manch Trommelfell sicher auch eine Bewährungsprobe, sind die Klänge der Trommlergruppen, die ebenso zum Marathon-Umzug gehören.

Alle Einheimischen scheinen an den Prozessionen in der einen oder anderen Form teilzunehmen oder mitzuwirken. Schon seit Dienstag gab es täglich (zum Teil mehrere) Prozessionen - schließlich ist "Settimana Santa" (Heilige Woche), wie die Karwoche in Italien heißt. Fragt man, warum sie dabei sind, lautet die Antwort gegenüber der APA durchwegs: "Es ist Tradition." Gerne hören die Einheimischen dann, welch besondere Tradition sie hier hätten. Hierbei scheinen Arm und Reich, Jung und Alt - alle - einig zu sein.

Die Cafetiers in den Gassen Trapanis, an denen diese Prozessionen die ganze Woche mehrmals täglich vorbeiführen, kommen auch ins Schwitzen, sind doch die Sessel und Tische jedes Mal wegzuräumen, wenn die Prozessierenden durchmarschieren. Gäste trinken ihren "caffè" ohne zu jammern einstweilen im Stehen weiter. Danach wird wieder aufgebaut, rückgebaut, aufgebaut und so weiter.

Endpunkt ist am Karsamstag schließlich jene der zahlreichen Kirchen in Trapani, in denen sich die Mysterien übers Jahr befinden. Vorher wird der Trauerzug aber noch die ganze Nacht durch die Stadt ziehen und immer wieder weithin zu hören sein - auch auf die See hinaus.

Und auch dann heißt es noch einmal: Nach der Prozession ist vor der Prozession. Denn am Ostersonntag wird es natürlich auch in Trapani Jesu zu ehren feierlich - und es gibt die Prozession des auferstandenen Christus. "Buona Pasqua" ("Frohe Ostern"), hat man sich bis dahin oft genug gewünscht. Bis in einem Jahr eine neue Settimana Santa beginnt.

ribbon Zusammenfassung
  • Die 70.000-Seelen-Stadt mit ihren geschmückten Gässchen ist wie jedes Jahr seit etwa 400 Jahren in einen regelrechten Ausnahmezustand geraten.
  • Die sogenannte Prozession der Mysterien dauert 24 Stunden bis Karsamstag - ultrapathetisch, im Wiegeschritt zu Trauermärschen.
  • Die Tradition dürfte ursprünglich aus der Zeit der spanischen Herrschaft in Sizilien stammen.
  • Gerne hören die Einheimischen dann, welch besondere Tradition sie hier hätten.

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