APA/dpa/Jan Woitas

"Arschknapp": Kurze Geschichte eines präsidialen Wortes

0

Seit dem Zitat von Bundespräsident Van der Bellen ist "arschknapp" im politischen Betrieb ein geflügeltes Wort. Zuletzt nahm es Rendi-Wagner bei ihrer Rückzugs-Ankündigung in den Mund. Ein Überblick über die Geschichte des "arschknapp" in der österreichischen Politik.

"Und auch wenn dieses Ergebnis - um ein Wort unseres Bundespräsidenten zu verwenden - wirklich 'arschknapp' war, ist es aus meiner Sicht zu respektieren", läutete Pamela Rendi-Wagner am Dienstag ihren Rücktritt ein.

Rendi-Wagner wird bald nicht mehr SPÖ-Vorsitzende sein, das "arschknapp" als geflügeltes Wort des Bundespräsidenten bleibt Österreich jedoch wohl länger erhalten. Doch Van der Bellen, der das Wort als Bundespräsident sozusagen adelte, benutzte es bereits vor der Präsidentschaftswahl 2016 zum ersten Mal.

Zeitreise in eine innenpolitisch andere Republik

Es ist das Jahr 2004 und Van der Bellen wird zum vierten Mal als Grünen-Chef wiedergewählt. In seinen ersten Statements nach seiner Wiederwahl gibt er sich zufrieden  - auch wenn man das damals ehrgeizige und heute wohl undenkbare Ziel, die FPÖ auf Platz drei zu überholen, bei den Nationalratswahlen im Jahr 2002 "arschknapp" (um 0,5 Prozent) nicht erreicht hatte. 

10 Jahre "arschknapp"-Pause

"Arschknapp" prägte das Duell der Grünen und der Freiheitlichen um Platz drei in den "Nullerjahren". 2006 etwa gelang den Grünen unter Van der Bellen der "arschnknappe" Sieg vor den Freiheitlichen - um 0,01 Prozent.

Danach verwendet Van der Bellen das Wort zehn Jahre nicht. Wohl auch, weil es zwischen Grünen und Freiheitlichen nicht mehr "arschknapp" war. 2008 erreichte die FPÖ mit Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache 17 Prozent (sieben Prozentpunkte mehr als die Grünen), 2013 sogar schon über 20 Prozent (acht Prozentpunkte mehr als die Grünen). 

Sein Revival erlebte das Wort während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016. Der Wahlkampf damals war eine Neuauflage des FPÖ-Grüne-Matches. Nur ging es damals nicht mehr um Platz drei im Nationalrat, sondern um das höchste Amt der Republik.

"Arschknapp" wurde 2016 sogar zum Wortes Jahres nominiert - landete aber auf Platz drei nach dem ikonischen "Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung". 

So knapp ging die Stichwahl dann aber doch nicht aus. Van der Bellen setzt sich solide mit 53,79 Prozent gegen Norbert Hofer durch.

"Arschknapp"-Evolution nach der BP-Wahl

Nach der Bundespräsidentenwahl war "arschknapp" fast nur noch als Anspielung auf Van der Bellen zu verstehen.

So etwa 2018, beim Wahlkampfabschluss der Kärtner Grünen, wo Bundesparteichef Werner Kogler die anstehende Wahl als "arschknapp" bezeichnete. Damals ging es um den Verbleib der Partei im Landtag. Der gelang danach übrigens nicht, die Grünen flogen mit knapp über drei Prozent aus dem Landtag und sind seither auch nicht mehr hineingekommen.

Auch die ehemalige Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou griff im Jahr 2017 aufs präsidiale "arschknapp" zurück. Sie spielte auf eine mögliche Koalition mit der ÖVP an. Das ist Galgenhumor mit Blick auf die Nationalratswahlen 2017, bei denen die Grünen hochkant aus dem Parlament flogen und Türkis-Blau bis zum Ibiza-Skandal regierte. 

In die Analysen von Politik-Journalist:innen hat das Wort ebenso Einzug gehalten. Vor Rendi-Wagner hat schon der stellvertretende Chefredakteur der "Kleine Zeitung" Michael Jungwirth das Ergebnis der SPÖ-Mitgliederbefragung als "arschknapp" bezeichnet.

Der Präsident selbst hat das Wort seit Jahren nicht mehr öffentlich verwendet, seine Wiederwahl im Jahr 2022 schaffte er ohne große Mühe. Wie Rendi-Wagner heute zeigte, ist das aber egal: "Arschknapp" hat in Österreich trotzdem einen präsidialen Anstrich.

ribbon Zusammenfassung
  • Grüne vs. FPÖ um Platz 3? Van der Bellens "arschnknapp" entstammt innenpolitisch anderen Zeiten.
  • Mitte der Nuller-Jahre verwendete der amtierende Bundespräsident das Wort zum ersten Mal - es ging um das Match zwischen Grünen und FPÖ um Platz drei.
  • Sein Revival erlebte "arschknapp" bei der Neuauflage des Grün-Freiheitlichen-Matches: der Bundespräsidentschaftswahl 2016.

Mehr aus Politik