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Armenien: Humanitäre Situation in Karabach droht zu eskalieren

20. Dez. 2022 · Lesedauer 3 min

Aserbaidschan blockiert die einzige Straße, die Armenien mit Bergkarabach verbindet. Die Region hat weder genügend Lebensmittel noch Medikamente.

Die humanitäre Situation in dem seit Tagen von Aserbaidschan abgeriegelten Berg-Karabach wird immer dramatischer. Darauf hat die Salzburger Armenien-Expertin Jasmin Dum-Tragut am Dienstag gegenüber Kathpress hingewiesen. Der internationale Druck auf Aserbaidschan, damit das Land die Blockade beendet, sei viel zu gering, damit das Land die Blockade beendet, kritisierte Dum-Tragut.

Keine Medikamente, fehlende Lebensmittel

Seit dem 12. Dezember hat Aserbaidschan die einzige Straße gesperrt, die Karabach mit Armenien verbindet (Latschin-Korridor). Rund 120.000 Menschen sind in Karabach isoliert, 1.100 Armenier aus Karabach, davon 270 Minderjährige, hätten derzeit keine Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren und harrten in Kälte und ohne Versorgung auf der gesperrten Straße aus. Der Latschin-Korridor sei auch für Einsatzfahrzeuge gesperrt. Die Krankenhäuser in Karabach erhielten keine notwendigen Medikamente mehr, die Regale der Lebensmittelgeschäfte seien schon halb leer.

Die Lage verschlechtere sich zusehends und der Mangel an medizinischer Versorgung habe bereits bei einem Dialyse-Patienten, der nicht nach Jerewan zur Dialyse transportiert werden konnte, zum Tode geführt. Ein Kind sei schwer krank "und wird aus heutiger Sicht, die Blockade nicht überleben", so Dum-Tragut: "Gestern Nachmittag wurde die Straße für wenige Sekunden freigegeben. Ein vom Roten Kreuz begleiteter Krankenwagen aus Karabach fuhr durch die Demonstranten, um einen 62-jährigen Armenier, der eine dringende Herzoperation benötigte, nach Jerewan zu transportieren."

Nachdem Aserbaidschan Berg-Karabach vor einigen Tagen auch den Gashahn abgedreht hat, wurden die Gaslieferungen inzwischen wieder aufgenommen. Es gebe aber erhebliche Engpässe bei den Lebensmitteln. Verhandlungen mit Aserbaidschan hätten bisher zu keinem Ergebnis geführt. Aserbaidschan beobachte zwar die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft, auch die zunehmenden Demonstrationen weltweit, erkenne aber auch, dass es an konkreten Handlungen fehlt, diese Blockade zu beenden, so Dum-Tragut. "Der derzeitige, schwache internationale Druck reicht nicht aus."

Dum-Tragut berichtete gegenüber Kathpress von einer jüngsten symbolträchtigen Episode. Die aserbaidschanischen selbsternannten "Umweltschützer" wollten symbolisch 44 Friedenstauben während einer Kundgebung fliegen lassen. Die "Rädelsführerin" habe in ihrer emotionalen Rede jedoch übersehen, "dass sie die Taube so festhielt, dass sie ihr das Genick brach und sie unbeweglich verbogen in ihrer Hand war. Als sie die Taube dann in die Luft warf, um sie fliegen zu lassen, bemerkte sie erst, dass sie das Tier getötet hatte". Diese getötete Friedenstaube sei zum Symbol des blockierten Karabachs geworden.

Der blockierte Latschin-Korridor ist die einzige Verbindung von Armenien nach Karabach. Ein großer Teil des armenisch besiedelten Berg-Karabach ging im Herbst 2020 im Krieg an Aserbaidschan verloren. Damals war der lange Jahre eingefrorene Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach wieder aufgebrochen. Die Streitkräfte Armeniens bzw. Karabachs hatten der aufgerüsteten Armee Aserbaidschans wenig entgegenzusetzen. Ein Großteil Karabachs wurde von den aserbaidschanischen Truppen eingenommen, bevor am 9. November unter der Ägide Russlands ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde. Das Waffenstillstandsabkommen sah vor, dass der Korridor mit der Verbindungsstraße nicht an Aserbaidschan übergeben wird und russische Truppen stationiert werden, um den Verkehrsweg zwischen der Hauptstadt von Berg-Karabach, Stepanakert, und Armenien zu sichern.

Quelle: Agenturen / Redaktion / mbe