APA - Austria Presse Agentur

Afghanistans Ex-Außenminister: Ghani hat eigene Flucht vorbereitet

30. Dez 2021 · Lesedauer 3 min

Afghanistans Ex-Präsident Ashraf Ghani erklärte, dass er mit seiner Flucht Blutvergießen und die Zerstörung von Kabul verhindern wollte. Der frühere Außenminister widerspricht Ghani: Die Flucht der Regierung sei lange vorbereitet gewesen.

Kurz vor dem Einmarsch der Taliban in die afghanische Hauptstadt Kabul hatte Ex-Präsident Ashraf Ghani das Land fluchtartig verlassen. Nun erklärte Ghani, dass die Flucht nicht geplant gewesen sei: "Am Morgen dieses Tages hatte ich keine Ahnung, dass ich am späten Nachmittag weggehen werde", sagte er BBC Radio 4 in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview.

Der Chef der Präsidentengarde und der nationale Sicherheitsberater Hamdullah Mohib hätten ihn damals informiert, dass die Präsidentengarde kollabiert sei. Sollte er Widerstand leisten, würden alle getötet und keiner könne ihn verteidigen.

Mohib habe wirklich Angst gehabt und ihm nicht mehr als zwei Minuten Zeit gegeben. Die Anweisungen davor seien gewesen, sich für eine Abreise in die ostafghanische Stadt Khost vorzubereiten. Mohib habe ihm dann aber gesagt, Khost sei gefallen und Jalalabad auch. Er habe nicht gewusst, wohin sie unterwegs seien. Erst als sie abgehoben hätten, sei klar geworden, dass sie das Land verließen. "Das war alles wirklich plötzlich."

Ghani sieht sich als "Sündenbock" 

Vertreter der Taliban sagten, es sei nicht ihre Absicht gewesen, die Stadt anzugreifen. Ghani sagte BBC Radio 4, seine wichtigsten Sicherheitsberater hätten ihm gesagt, die Taliban hätten ihre Zusage gebrochen, nicht in Kabul einzurücken. Die Flucht Ghanis hatte wohl eine geordnete Machtübergabe verhindert. Als er geflohen war, rückten die Islamisten in der Stadt ein, um, wie sie sagten, kein Sicherheitsvakuum entstehen zu lassen. Viele Afghanen werfen Ghani heute vor, sie an die Taliban ausgeliefert zu haben.

Ghani sagte BBC Radio 4 zudem, er werde zum "Sündenbock" für die jetzige Krise und das Chaos in Afghanistan gemacht. Er gestehe Schuld dafür ein, den "großen Fehler" gemacht zu haben, den internationalen Partnern zu vertrauen, die ihn ständig unter Druck gesetzt und seine Autorität beschnitten hätten.

Ex-Außenminister: Flucht war lange vorbereitet

Eine etwas abweichende Sicht hat der ehemalige afghanische Außenminister Rangin Dadfar Spanta. Die Taliban-Machtübernahme kam laut ihm für Kabul nicht überraschend, sondern war lange vorbereitet. Schon Monate zuvor sei geprobt worden, wie man den Präsidenten, seine Frau und enge Mitarbeiter evakuiere. "Das alles waren erprobte Sachen, das war nicht so, dass überstürzt der Präsident den Palast verlassen hat", sagte der jetzt in Aachen lebende Politologe am Donnerstag im Deutschlandfunk.

Viele Politiker und Beobachter in Kabul hätten gewusst, dass ein Zusammenbruch der Regierung und der Republik bevorstanden. "Das war von langer Hand vom Präsidenten und seinem Team und vor allem auch vom Verhandlungsteam der Vereinigten Staaten von Amerika mit Taliban vorbereitet worden", sagte Spanta, der von 2006 bis 2010 Außenminister war. "Aber dass das so überstürzt alles plötzlich einsetzen würde, damit hatten wir nicht gerechnet."

Quelle: Agenturen / Redaktion / apb