Ärzte ohne Grenzen warnen vor Seuchengefahr im Gazastreifen
Auch im östlichen Mittelmeerraum herrscht der härteste Winter seit Jahren. Die seit gut drei Monaten geltende, offizielle Waffenruhe wird immer wieder gebrochen. Der Gazastreifen ist kleiner als Wien. Schon vor dem zweijährigen Gaza-Krieg Israels gegen die militante Palästinenserorganisation Hamas lebten dort 2,1 Millionen Menschen auf engem Raum. Heute sei die Bevölkerung auf etwa die Hälfte der Fläche des Küstengebiets zusammengedrängt, denn die andere Hälfte gelte seitens Israels als militärische Sperrzone, ruft Bachmann in Erinnerung. Er verweist außerdem auf die Abriegelung des Gazastreifens und Israels Macht, Öffnungen zu steuern oder überhaupt zuzulassen.
"Es bräuchte wesentlich mehr Hilfsgüter, um die Menschen tatsächlich ausreichend versorgen zu können. Und es braucht die Strukturen und Personen, um die Hilfsgüter an die Menschen zu bringen - vor allem an die verletzlichsten." Güter und Helfer stehen laut Bachmann auch bereit. Die Rahmenbedingungen für deren Verteilung und Einsatz stimmen jedoch nicht: Immer wieder kommt es zu tödlichen Zwischenfällen mit israelischen Soldaten, sodass Helfer gefährdet sind. Israel schränkt ein, was geliefert werden darf und über welche und wie viele Wege. Die humanitäre Situation sei so fragil und kritisch, dass Bachmann - nicht zuletzt in Sachen unzureichender Wasserversorgung und Cholera-Gefahr - befürchtet, dass sie sich "in ein Massensterben übersetzen könnte". Das bisherige Wasser- und Abwassersystem wurde im Krieg "komplett zerstört".
Ärzte ohne Grenzen unterstützen mit 30 Medizinern rund 1.000 einheimische, palästinensische Ärzte. Die Hilfsorganisation betreut nach eigenen Angaben im Gazastreifen damit ein Fünftel der nach dem Krieg noch vorhandenen Krankenhausbetten. Ärzte ohne Grenzen versorgen zugleich aber "als größter nicht-öffentlicher Aufbereiter" auch große Teile der Bevölkerung Gazas mit sauberem Wasser. Das alles steht zumindest auf wackeligen Beinen, wenn nicht vor dem Aus, denn seit Anfang 2026 gilt ein israelisches Gesetz, welches Ärzte ohne Grenzen und 36 weiteren internationalen Hilfsorganisationen die Basis für ihre Arbeit entziehen könnte.
REGISTRIERUNG
Israel beschuldigt internationale Organisationen, darunter in der Vergangenheit auch das UNO-Palästinenserhilfswerk UNRWA, "Terroristen" Unterschlupf zu gewähren oder sich für "militärische Aktivitäten" missbrauchen zu lassen. Nun sollen sie quasi präventiv Daten über jeden einzelnen Mitarbeiter liefern. Für die meisten NGOs ist das nicht akzeptabel. "In jedem Kontext - besonders in einem, in dem medizinische und humanitäre Mitarbeitende eingeschüchtert, willkürlich festgenommen, angegriffen oder getötet wurden - ist die Forderung nach Listen von Mitarbeitenden als Bedingung für den Zugang ein empörender Übergriff. Sie untergräbt die Unabhängigkeit und Neutralität humanitärer Organisationen und wird noch gefährlicher, wenn vollkommen unklar bleibt, wie diese sensiblen Daten verwendet, gespeichert oder weitergegeben werden", hatte Ärzte ohne Grenzen Anfang Jänner dazu mit Blick auf 15 im Gaza-Krieg getötete Mitarbeitende erklärt.
Nach Schätzung Bachmanns haben sich bisher rund 24 im Gazastreifen aktive Hilfsorganisationen gebeugt, kooperieren und wurden gemäß Gesetz von Israel neu zugelassen - nicht so Ärzte ohne Grenzen und andere große NGOs. Ärzte ohne Grenzen wollen sich laut ihrem Einsatzleiter nun genau von Israel erklären lassen, wofür die Mitarbeiterdaten verwendet werden sollen.
Ohne Einigung in der Frage sind die einzelnen Helfer im Gazastreifen einerseits ohne rechtliche Basis tätig, die Tätigkeit der gesamten Organisation ist andererseits enorm eingeschränkt: Die extrem geforderten Ärzte könnten derzeit den Gazastreifen verlassen, sollten sie etwa eine Auszeit brauchen oder einen familiären Notfall haben oder müssten gehen, wenn ihr Visum ausläuft, erzählt Bachmann. Neue Ärzte erhalten aber bis auf weiteres von den israelischen Behörden keine Genehmigung, in den Gazastreifen einzureisen und dort helfend tätig zu werden. "Alle unsere Anträge werden zurückgewiesen."
GRENZÜBERGÄNGE
Kritik üben Ärzte ohne Grenzen - quasi schon zwangsläufig ihrem Namen nach - am israelischen Grenzmanagement. Am Montag hatte Israel angekündigt, nach Abschluss eines Militäreinsatzes zur Auffindung der Leiche der letzten Hamas-Geisel im Gazastreifen den Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem Küstengebiet eingeschränkt für den Personenverkehr wieder zu öffnen. "Wir haben das schon so oft gehört", sagte Bachman in dem per Videoschaltung von Ost-Jerusalem aus geführten Interview mit der APA. "Israel hat klargemacht, dass egal wie die die Öffnung von Rafah aussieht, Israel die entscheidende Letztkontrolle nicht aus der Hand geben wird (...). Somit ändere sich de facto nichts.
Für die Menschen im Gazastreifen wäre ein uneingeschränkt geöffneter Grenzübergang zu Ägypten "ein ganz, ganz entscheidender Gamechanger", betont Bachmann. Aber selbst dann wäre es ihm zufolge noch ein weiter Weg, bis sich dies in eine Verbesserung der Situation für die Menschen übersetzen würde, gibt Bachmann zu Bedenken. Er forderte im Namen von Ärzte ohne Grenzen die internationale Gemeinschaft auf, auf die israelische Regierung einzuwirken, um eine solche Verbesserung herbeiführen zu können.
Um die Zustände und das Gemenge der Probleme zu beschreiben, mangelt es dem Einsatzleiter nicht an Beispielen: Patienten mit Wundinfektionen, wo mangels Antibiotika nur die Amputation als Ausweg offen stehe, um ihr Leben zu retten. Unbehandelte Krebskranke. "Tragischerweise immer wieder Fälle von Unterkühlung wo vor allem Babys und kleine Kinder umkommen". Die äußerst geringen Möglichkeiten, Kranke aus medizinischen Gründen aus dem Gazastreifen zu evakuieren. "Dann stellt sich heraus, dass der oder die Betroffene "gar nicht mehr lebt, weil er oder sie während der Wartezeit verstorben ist". Erschwerend sei, dass all dies auf eine Bevölkerung einwirke, die bereits über Monate und Jahre der Dauerkrise körperlich und psychisch geschwächt ist.
LAZARETT
Am wenigsten Verständnis hat Marcus Bachmann für den Fall eines Feldlazaretts, das in der jordanischen Hauptstadt Amman bereit steht, um im Gazastreifen aufgebaut zu werden. Weder lässt Israel das dazu nötige Personal in das verwüstete Palästinensergebiet noch genehmige es die Einfuhr von Geräten, die unverzichtbar für den Betrieb eines Krankenhauses sind: Generatoren oder Röntgenapparate oder Druckbehälter (Autoklaven), um Instrumente zu sterilisieren. Als Begründung nennt Israel einen möglichen Dual-Use-Gebrauch für Zwecke von Gewalt und Terror.
Derzeit ist nicht absehbar, wie diese Lücke gefüllt werden soll, wenn Ärzte ohne Grenzen wohl am 1. März ihre Aktivitäten im Gazastreifen ganz einstellen müssen. Alles laufe auf ein "Squeeze-out, ein langsames Erdrücken unserer Kapazitäten" hinaus, so Bachmann. "Die meisten Gespräche kreisen um Wiederaufbau (...), um Pläne, die ein fast utopisches Bild vom Gazastreifen entwerfen wollen", aber angesichts der akuten Notfallsituation "kann man nicht drei Schritte überspringen", mahnt Bachmann einen anderen Fokus im Prozess zur Konfliktbeendigung ein.
(Das Gespräch führte Martin Richter/APA)
Zusammenfassung
- Ärzte ohne Grenzen warnt vor dem Ausbruch von Epidemien im Gazastreifen, da die Wasserversorgung und Hygiene weiterhin katastrophal sind und das Abwassersystem im Krieg komplett zerstört wurde.
- Trotz einer seit drei Monaten geltenden Waffenruhe bleibt die Gesundheitsversorgung prekär, weil Israel Lieferungen und Helfereinsätze weiterhin stark limitiert.
- Ein neues israelisches Gesetz verlangt von NGOs die Registrierung aller Mitarbeitenden, was Ärzte ohne Grenzen und andere große Organisationen bislang ablehnen, während sich rund 24 andere Hilfsorganisationen bereits beugten.
- Ärzte ohne Grenzen betreut mit 30 internationalen Medizinern und etwa 1.000 palästinensischen Ärzten ein Fünftel der verbliebenen Krankenhausbetten und versorgt große Teile der Bevölkerung mit sauberem Wasser.
- Sollte bis 1. März 2026 keine Einigung mit Israel erzielt werden, droht Ärzte ohne Grenzen der vollständige Rückzug aus dem Gazastreifen, wodurch die ohnehin fragile Versorgungslage weiter verschärft würde.
