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Zwei Meister der fiktiven Stadt: Die Canalettos im KHM

Heute, 10:43 · Lesedauer 3 min

Die Investoren des Wiener Heumarkts dürften ihn verfluchen, der Rest der Welt schätzt hingegen die Stadtansichten Canalettos/Bellottos, dessen Blick vom Belvedere auf die Wiener Innenstadt heute als Argument gegen die Heumarkt-Hochhausvorhaben herangezogen wird. Im Kunsthistorischen Museum widmet man den beiden Vedutenmalern Canaletto und seinem Neffen Bellotto alias Canaletto nun eine umfassende Schau und zeichnet dabei zwei echte Stadtbild(erbuch)karrieren nach.

Diese nahmen ihren Ausgangspunkt in beiden Fällen in Venedig, wo Giovanni Antonio Canal vulgo Canaletto und sein Neffe Bernardo Bellotto, der aus Marketinggründen verwirrenderweise ebenfalls des Öfteren unter dem Namen Canaletto auftrat, zunächst primär für jene britischen Aristokraten arbeiteten, die Bilder als Memorabilien von ihrer Grand Tour durch Kontinentaleuropa erwerben wollten. "Wer einen Canaletto besaß, hatte es geschafft in der Oberschicht", so Kurator Mateusz Mayer bei der Präsentation der Schau am Montag.

Nachdem aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen am Kontinent die Kunden ausbleiben, verlassen die beiden Künstler Venedig. Canaletto zieht es näher zur einstigen Kundschaft nach London, während Bellotto nach Wien, Dresden und Warschau aufbricht. Diesen chronologischen Weg zeichnet man in der Ausstellung in fünf Kapiteln und mit 32 Gemälden nach.

Man darf die Arbeiten der beiden Künstler dabei nicht als dokumentarisch begreifen, auch wenn sie etwa mit der Camera obscura und damit den technischen Hilfsmitteln ihrer Zeit arbeiteten. "Sie bilden die Städte nicht ab, wie sie waren, sondern wie sie sie zeigen wollten", machte KHM-Generaldirektor Jonathan Fine deutlich. Und doch wurden die Blickachsen und Panoramen nicht nur für Stadtbild-Diskussionen in Wien, sondern etwa auch zum Wiederaufbau von Warschau oder Dresden herangezogen.

Eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert

"Es sind sorgfältig komponierte Bildschöpfungen", umriss auch Kurator Mayer den ganz eigenen fantastischen Realismus der Werke, die von den beiden Blickachsenmächten ihrer Zunft geschaffen wurden. Diese schöpferischen Freiheiten im Hinterkopf, lassen sich die farbmächtigen Venedig-Ansichten genießen, die vergleichsweise strenger komponierten London-Panoramen oder die Wien-Stadtdarstellungen.

Letztere zeigen Schloss Schönbrunn noch als Landsitz im Grünen abseits der Stadt oder das Palais Liechtenstein mit seinem längst abgetragenen Garten-Belvedere. Und nicht zuletzt wuselt es auf den Innenstadtgemälden vom Alltagsleben der Zeit, bildet Bellotto hier beileibe nicht nur den Adel ab. "Es ist eine Ausstellung, die Sie auf eine Reise in den urbanen Raum des 18. Jahrhunderts einlädt", lockt Mayer die Besucher zur Zeitreise.

(S E R V I C E - "Canaletto & Bellotto" im Kunsthistorischen Museum, Wien 1, Maria-Theresienplatz 1, 24. März bis 6. September, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr, www.khm.at/ausstellungen/canaletto-bellotto )

Zusammenfassung
  • Das Kunsthistorische Museum Wien zeigt in einer großen Schau 32 Gemälde von Canaletto und Bellotto, die ihre künstlerischen Wege von Venedig über London bis nach Wien, Dresden und Warschau nachzeichnen.
  • Die Werke der beiden Vedutenmaler sind keine dokumentarischen Abbilder, sondern idealisierte Stadtansichten, die später als Grundlage für Stadtbilddiskussionen und den Wiederaufbau von Städten wie Warschau und Dresden dienten.
  • Die Ausstellung läuft vom 24. März bis 6. September und lädt Besucher zu einer Zeitreise ins 18. Jahrhundert ein, bei der auch das Alltagsleben der damaligen Bevölkerung in den Gemälden sichtbar wird.