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Zeitgenössische Kunst im Parlament

10. Jan. 2023 · Lesedauer 5 min

Mit der Renovierung des Parlaments wurde heimische zeitgenössische Kunst in die Architektur von Theophil Hansen implementiert. "Wir Österreicher verstehen uns als eine der großen Kulturnationen, und das sollte sich widerspiegeln", sagt der mit der Umsetzung betraute Hans-Peter Wipplinger der APA. Es sollte kein alleiniges Schwelgen im Historismus sein. Die ausgewählten Werke schlagen tatsächlich in der architektonischen Fülle des 19. Jahrhunderts die Brücke in die Gegenwart.

Im Herbst 2020 wurde Wipplinger, Museologischer Direktor des Leopold Museums, eingeladen, die Kunst im Parlament zu kuratieren. Da er seine Expertise früher bereits dem Haus zur Verfügung gestellt hatte, kannte er dieses "schon recht gut", wie der Ausstellungsmacher beim Rundgang mit der APA erzählt. Die Gesamtkosten wurden mit 1,8 Millionen Euro projektiert - knapp 0,5 Prozent des Gesamtvolumens der Sanierung. Das Parlament wurde nicht zum Museum, die Werke fügen sich stilvoll ein, unterstreichen die Bedeutung des Gebäudes, wirken im Kontext.

Beeindruckend ist etwa die Arbeit von Eva Schlegel, die je acht Spiegelscheiben, 140 Zentimeter vom Durchmesser, an zwei von der Decke hängenden Seilen im Vestibül über eine Höhe von 17 Metern so angeordnet hat, streng symmetrisch wie bei Hansen, dass Details des Raumes darauf sichtbar werden, wobei sich bei jedem Schritt über die Stiege die Perspektive verändert. "Schlegel dekonstruiert den Raum, nimmt ihm aber nicht die Pracht", betont Wipplinger. Die Herausforderung sei gewesen, den Vorgaben des Denkmalschutzes zu entsprechen, nur ein kleines Loch sei in die Decke gebohrt worden. Die Arbeit Schlegels setzt sich in einer drehbaren, aus denselben Materialien konstruierten Skulptur im Wintergarten des Rooftop-Restaurants fort.

Viel wurde über das im Empfangssaal platzierte vergoldete Klavier diskutiert. Hier ziehen aber auch vier Bildtafeln in Blau, Indigo, Türkis und Violett (als Referenz an den so genannten Blauen Salon) von Heimo Zobernig Aufmerksamkeit auf sich. Geht man dran vorbei, verändert sich die Farbwirkung, bewirkt von in die Farben eingemischten Kristallplättchen. Die Höhe der Tafeln von 2,70 Meter entspricht der durchschnittlichen Höhe einer Wiener Wohnung. Wenn man die Tafeln zum Quadrat zusammensetzt, erhält man eine durchschnittliche Wohnungsgröße. "Seine Arbeit ist daher auch gesellschaftlich sozial analytisch", führt Wipplinger aus.

Durch den Umbau sind neue Räume im Haus am Ring entstanden. Neu geschaffen wurde u.a. ein Café in einem ursprünglichen Kellerbereich. Dort hängen Fotografien von Lea Sonderegger mit Impressionen über den Zustand der Aussiedelung, des Ausräumens und des Aufräumens 2017 vor dem Beginn der Baustelle. Sondereggers Arbeiten, ein "amüsanter Blick zurück" (Wipplinger), fügen sich mit den gedämpften, fast altmeisterlichen Farben perfekt in den Raum ein.

Ein früheres Besprechungszimmer ist zu einem Reflektorium geworden. Erwin Bohatsch wurde um eine dazu passende Zusammenstellung von Gemälden gebeten. Seine vier Bilder an den Wänden haben dem entsprechend etwa Leichtes, Luftiges und nicht Figuratives mit ablenkender Wirkung. Hier soll es laut Wipplinger "nicht laut, sondern zurückhaltend zugehen". Auch Bohatsch' "fast meditative Arbeitsweise", bei der Schicht über Schicht gesetzt wird, entspricht der Raum-Intention von Ruhe und Reflexion.

Die öffentlich zugängige, noch von Hansen eingerichtete Bibliothek ist ein passender Ort für die vierteilige Videoinstallation "Die Vertreibung der Vernunft" von Peter Weibel - Stichwort "Bücherverbrennung". Weibel hat dafür 5.000 Kurzbiografien von Vertriebenen und Ermordeten, viele mit jüdischen Wurzeln, aber auch politisch Verfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus, zusammengefasst.

"Es überwiegen die etablierten Künstler, weil man sie als Botschafter in Kunstangelegenheit international betrachtet", erklärt Wipplinger. "Es sind aber auch einige wie Martina Steckholzer, Esther Stocker und Peter Sandbichler vertreten, die eine tolle Mid-Career hingelegt haben, die nächstfolgende Generation." Stocker gestaltete eine Wand in einem der neu geschaffenen Stiegenhäuser mit der durchgehenden grafischen Arbeit "Galaxie", aufgetragen mit Schablonen bzw. im Abklebe-Verfahren. Der Leitgedanke bezieht sich dabei "auf Offenheit, Freiheit und die ergänzende Zusammengehörigkeit von Einzelelementen und Gruppen", heißt es im Projektfolder.

Ein "Vorhang" von Peter Kogler ziert einen weiteren Aufgang. Um dem Feuerschutz zu entsprechen, wurde der 20 mal 18 Meter große Wandteppich aus Glas- und Steinfasern gewebt. Wie ein kanalartiges Nervensystem überzieht die netzartige Struktur die Wand und bricht die harte, sachliche Linienführung des Stiegenhauses auf.

Auf einer nach dem Umbau begehbaren Terrasse steht, im Blickfeld der "Hitler-Balkon" der Hofburg, eine Texttafel von Heimrad Bäcker, auf der Orte vermerkt sind, die für Juden im Nationalsozialismus als Ausflugsgebiet verboten waren. Ebenfalls zu sehen sind dort der Öffentlichkeit bisher verborgene Friese von Hansen. Die Fries-Idee nahm Peter Sandbichler auf und schuf im Plenarium eine abstrakte, 40 Meter lange Transformation aus Holz, basierend auf einem orthogonalen Grundraster, das die Ornamentik von Hansen zitiert. Der in Wien arbeitende Tiroler fütterte den Computer mit Informationen, auf diesen basierend zeigt sein Fries die Höhen und Tiefen der Demokratie. 1933 etwa, mit Auflösung des Parlaments, ist alles flach.

"Sie werden hier bei den in situ Arbeiten bis auf Constantin Luser keine gegenständlichen oder figurativen Werke finden. Die Zeit ist vorbei, dass man allegorische Malereien an die Wand macht. Die abstrakte Kunst ist zeitlos", erläutert Wipplinger. Industrial-Design-Shootingstar Luser aus Graz schuf ebenfalls ein Fries, eine Wanddrahtzeichnung aus Messing in der Plenar-Lounge, eine Art "Österreich-Bild", durch das sich bespielbare "Demokratietrompeten" schlängeln. Durch eine Mehrzahl von Mundstücken, symbolisch für die unterschiedlichen Stimmen der Parlamentsfraktionen stehend, können Harmonien oder Disharmonien erzeugt werden.

Die im Jänner 2022 verstorbene Brigitte Kowanz hat in ihrer letzten Arbeit das Datum des 12. November 1918, Tag der Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich, in Lichtpunkte übersetzt. Sämtliche Werke werden durch Beschilderungen, per QR-Code abrufbare Informationen und einen Film mit den Künstlern erklärt, "weil zeitgenössische Kunst gehört vermittelt", so Wipplinger.

Quelle: Agenturen