"Woyzeck" - Femizid mit weiblichem Nachwort in Linz
Es ist doch immer das Gleiche: Er tötet sie und das wird schon einen Grund gehabt haben. Vielleicht ist sie fremdgegangen, hat den Haushalt vernachlässigt oder hat sich wie Marie von einem anderen Mann Ohrringe schenken lassen. Vielleicht war er gestresst, stand unter Druck oder hatte psychische Probleme - auf Woyzeck trifft alles davon zu. Dennoch: Ein Femizid bleibt ein Femizid, und Frauenhäuser reden sich den Mund fusselig, dass es zuerst einmal um die Betroffene gehen muss, bevor man versucht, den Täter zu verstehen. Bösch hat seinen Woyzeck gemäß dieser Empfehlung angelegt und tut alles, um erst gar keinen Anflug von Beschwichtigung à la "sie hat ihn ja betrogen" oder "die Welt war so gemein zu ihm" beim Publikum aufkommen zu lassen - ob das Erfolg hat, liegt freilich auch am Empfänger der Botschaft.
Woyzeck (Julian Sigl) ist ein Underdog, ein bitterarmer Kerl, der sich als menschliches Versuchskaninchen bei einem Doktor verdingt, um Frau und Kind ernähren zu können. Durch monatelange Erbsendiät, regelmäßige Stromstöße, vor allem aber dadurch, dass ihn der Doktor wie eine Laborratte behandelt, wird er allmählich zu einem psychischen Wrack, einer tickenden Zeitbombe. Als ihn seine Marie (Cecilia Pérez) mit dem in Testosteron gebadeten Tambourmajor (Daniel Klausner) betrügt, ersticht er sie.
Büchners Werk behält im Linzer Schauspielhaus seinen ohnehin fragmentarischen Charakter. Die Bühnengestaltung (Patrick Bannwart) ist minimalistisch, die kurzen Szenen werden straff und chronologisch, im Femizid gipfelnd, abgespult, ohne Büchners Gesellschaftskritik zu schmälern. Viel mehr Gewicht liegt auf dem Seelenleben der einzelnen, allesamt kaputten Charaktere, vom vor Zynismus triefenden Doktor (Christian Higer) über den verstümmelten Hauptmann (Alexander Hetterle), der auch psychisch nicht mehr ganz auf der Höhe zu sein scheint, bis hin zu einer recht heutig wirkenden Marie (Cecilia Pérez), die einfach kein gutes Händchen für Männer hat.
Tagebuch einer Gewaltbeziehung
Nach der Pause geht es dann um Marie. Cecilia Pérez, Eva-Maria Aichner, die zuvor als Großmutter, die so gerne nach den Sternen greifen würde, es aber nicht schafft, zu sehen war, und Katja Blessing, die die wegen ihres Handicaps zur Schau gestellte Käthe verkörpert hat, rezitieren den sehr subjektiven und berührenden Text "Marie", den Gerhild Steinbuch als Reaktion auf das Stück geschrieben hat. Es ist ein stichwortartiges Tagebuch der Emotionen und Erinnerungen, das die Mechanismen einer Gewaltbeziehung zum Inhalt hat, die Routine von Misshandlung und Angst, den regelmäßigen Gang in die Ambulanz, empathielose und hilflose Reaktionen der Umwelt und den Wunsch, wieder so zu werden, wie man einmal war. Ein Text, wie er aktueller nicht sein könnte.
Begleitet wird die Aufführung von der Ausstellung "Erbsen zählen", die bei freiem Eintritt im Foyer des Schauspielhauses zu sehen ist. Studierende der Linzer Kunstuni haben unter der Leitung von Stefan Brandtmayr eigene Projekte zu Motiven aus dem Stück erarbeitet. Am 6. März findet anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März nach der Vorstellung ein Podiumsgespräch mit Martina Maurer, der stellvertretenden Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums Oberösterreich, und David Bösch statt.
(Von Verena Leiss/APA)
(S E R V I C E - "Woyzeck/Marie" - Dramenfragment von Georg Büchner mit einer Ergänzung von Gerhild Steinbuch. Inszenierung: David Bösch, Bühne und Kostüme: Patrick Bannwart, Musik Karsten Riedel. Mit Julian Sigl (Franz Woyzeck), Cecilia Pérez (Marie Zickwolf), Alexander Hetterle (Hauptmann), Christian Higer (Doktor), Daniel Klausner (Tambourmajor), Alexander Julian Meile (Andres), Markus Ransmayr (Soldat), Eva-Maria Aichner (Großmutter), Katja Blessing (Käthe). Weitere Vorstellungen am 3., 6., 11., 14., 18., 28. März, Schauspielhaus Linz. https://www.landestheater-linz.at/)
Zusammenfassung
- Im Schauspielhaus Linz feierte am Samstag die Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" mit einem aktuellen Nachwort von Gerhild Steinbuch Premiere.
- Regisseur David Bösch legt in der geradlinigen Inszenierung den Fokus auf die Opferperspektive und betont die gesellschaftliche Verantwortung bei Femiziden, während die minimalistische Bühne und die fragmentarische Struktur erhalten bleiben.
- Nach der Pause rezitieren drei Schauspielerinnen Steinbuchs Text "Marie" als tagebuchartige Aufarbeitung einer Gewaltbeziehung, begleitet von der Ausstellung "Erbsen zählen" und einem Podiumsgespräch am 6. März.
