"Wir sind noch einmal davongekommen" feiert das Absurde
Dass man im Begriff ist, sich hier auf eine höchst turbulente Zeitreise einzulassen, die jeglicher Logik entbehrt, macht die Inszenierung bereits in den ersten Minuten deutlich: Als Fernsehsprecher im Stil der 1940er-Jahre tritt Nils Strunk vor den geschlossenen Eisernen Vorhang und moderiert eine in körnigem Schwarz-Weiß projizierte Wochenschau an, die über den Erfinder George Antrobus aus dem fiktiven New Yorker Vorort Excelsior berichtet, der in einem Hochhaus arbeitet, das sich recht bald als einer jener Wohntürme entpuppt, die Burgtheaterbesucher als Hintergrund der Steppenlandschaft aus Philipp Stölzls "Liliom"-Inszenierung kennen.
Durch diese wandeln alsbald Ofczarek und Peters als mondänes Ehepaar Antrobus, das sich mit den Kindern und dem Dienstmädchen zum Familienfoto einfindet. Eine Bildstörung verwandelt das schicke Quintett jedoch immer wieder für Sekundenbruchteile in Steinzeitmenschen ... Vorhang auf für eine Eiszeit in den 1940er-Jahren!
Die Familie Antrobus lebt in einem mit Edelstahlplatten verkleideten, futuristischen Haus, dessen halbhohe Rückwand sich in einer gebogenen Rampe zu einem Panoramafenster hin öffnet, das im Laufe des dreistündigen Abends immer wieder als höchst herausfordernde Auf- und Abtrittsmöglichkeit dient. Draußen bläst mitten im August ein eisiger Wind, Reinsperger schwingt als Dienstmädchen Sabina im Pelzmantel den Staubsauger, kommt aber recht bald drauf, dass er gar nicht angesteckt ist. Alles bloßes Spiel!
Und dieses Stück, dessen erste Sätze sie gerade gesprochen hat, mag sie auch nicht ("Ist das ein Scheiß Text!"). Aber "The Show must go on" und so warten Reinsperger und Peters am im Wohnzimmer entfachten Feuer auf den Hausherren, der dann aber mit einer höchst illustren Truppe nach Hause kommt, um den Herrschaften Asyl vor der herannahenden Eiswand zu bieten. Es folgt ein (religions-)philosophischer Glitzer-Auftritt für niemand anderen als Homer und Moses samt dreier Musen (später auch als zum Leben erwachte Bücher grandios: Martin Reinke, Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski, Barbara Petritsch und Elisabeth Augustin).
Dysfunktionale Familie am Rand der Apokalypse
Während Ofczarek im beeindruckenden Goldanzug samt Pelzmantel den herrischen Patriarchen gibt, der sein Eiszeit-Leben positiv denkend damit verbringt, das Alphabet wie das Einmaleins und nebenbei auch noch das Rad zu erfinden, gibt Peters die leidende Hausfrau und Mutter, die sich aus Verzweiflung sogar an den Telegrafenjungen (Strunk) heranmacht, der durch den Eiswind gekommen ist, um aus dem Kopf ein Telegramm von Antrobus zu zitieren. Mittendrin suchen Zeynep Buyraç als Tochter Gladys und Mehmet Ateşçi̇ als vom Abel-tötenden Kain zum Henry umbenannter Sohn höchst hyperaktiv nach ihrem Platz in dieser sehr kaputten Familie.
Die Dysfunktionalität ihrer Lebensentwürfe unterstreicht Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki im ersten Akt mit imposanten Fantasiekostümen. Während Henry es nach wie vor nicht lassen kann, Steine nach anderen zu werfen, hadert Gladys mit ihrer übersteigerten Libido und muss von der Mutter stets zur züchtigen Ordnung gerufen werden. Abgerundet wird der herrschende Wahnsinn des ersten Aktes von zwei herzigen Kinderdarstellern, die als Dino und Mammut die Haustiere der Familie Antrobus geben. Nach so viel absurder Action kommt die Pause wie gerufen.
Nach der Eiszeit kommt der Ehebruch, danach die Sintflut
Im zweiten Akt ist die Eiszeit schließlich überwunden und das Ehepaar findet sich - elegant in weißer Robe und Smoking - auf der sechstausendsten Jahresversammlung der Säugetiere in Atlantic City ein, wo Antrobus das neue Motto "Amüsiert euch!" verkündet. Doch der neue Hedonismus gerät aus den Fugen: Ausgerechnet am fünftausendsten Hochzeitstag verschaut sich Antrobus in Stefanie Reinsperger als herrlich kokette "Miss Atlantic City", was nicht nur zu einer turbulenten Sexszene zwischen den beiden führt, sondern auch zu einer erneuten Unterbrechung des Stücks, weil Reinspergers Alter Ego vom Ehebruch getriggert wird und nicht weiterspielen kann.
Nils Strunk begleitet das wilde Treiben live am Keyboard, die alte Garde lümmelt in bunten Vogelkostümen auf der nun nach vorn gewanderten Rampe, während Henry die Steinschleuder auspackt und Petritsch als verschrobene Wahrsagerin vor der kommenden Flut warnt und die Tagungsgäste auf ihr rettendes Schiff einlädt.
Düsteres Finale mit dritter Katastrophe
Nach dem archaisch-verzweifelten ersten und dem glitzer-hedonistischen zweiten Akt herrscht zum Finale die große Nachkriegsdüsternis auf der Bühne: Die Decke des herrschaftlichen Edelstahl-Hauses ist heruntergeklappt und dient Frau Antrobus und ihrer Tochter als Luftschutzkeller, aus dem sie ungläubig hervorkriechen, als Sabina mit der frohen Botschaft des Kriegsendes auftaucht und die Rückkehr von Ehemann und Sohn ankündigt.
Die beiden haben sich jedoch endgültig überworfen und trachten einander nach dem Leben, was in einer läuternden Schlussszene gipfelt, in der auch Antrobus' verloren geglaubter Überlebenswille wieder zu keimen beginnt. Die Krisen scheinen überwunden, die Menschen haben erneut ihre Resilienz bewiesen. Doch Sabina - Reinsperger kehrt zu ihrem Staubsauger vom Anfang zurück - weiß: "Wir müssen noch ewig weiterspielen. [...] Das Ende des Stückes ist noch nicht geschrieben."
Und so wird das Publikum aus dem Saal geschickt, um den ewigen Kreislauf von Apokalypse und Wiederauferstehung zu durchbrechen. Stefan Bachmann ist eine höchst unterhaltsame, zwischen Schwere, Hoffnung und Humor balancierende Umsetzung dieses mittlerweile selten gespielten, absurden Werks gelungen. Ofczarek (derzeit übrigens im "Braunschlag"-Sequel prominent auf den heimischen TV-Bildschirmen vertreten) und Peters zeichnen nebenbei den Lebenszyklus einer über Jahrtausende währenden Paarbeziehung inklusive deren Machtverschiebungen meisterhaft nach, während Stefanie Reinsperger das unberechenbare Zentrum der Inszenierung verkörpert. Ein bemerkenswerter Abend, der gerade in düsteren Zeiten daran erinnert: Es gibt auch immer ein Danach. Auch wenn es irgendwann später wieder ein Davor gewesen sein wird.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder am Burgtheater. Regie: Stefan Bachmann, Bühnenbild: Olaf Altmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Sven Kaiser. Mit u.a. Nicholas Ofczarek, Stefanie Reinsperger, Caroline Peters, Mehmet Ateşçi, Zeynep Buyraç, Nils Strunk, Barbara Petritsch. Weitere Termine: 24. und 29. März, 6. und 25. April. www.burgtheater.at )
Zusammenfassung
- Im Burgtheater wird Thornton Wilders Stück 'Wir sind noch einmal davongekommen' unter der Regie von Stefan Bachmann als absurde Zeitreise von der Eiszeit bis zum Krieg inszeniert.
- Das Ensemble um Nicholas Ofczarek, Caroline Peters und Stefanie Reinsperger verkörpert eine dysfunktionale Familie, die in einem futuristischen, von Olaf Altmann gestalteten Bühnenbild mit Katastrophen und absurden Situationen konfrontiert wird.
- Im Verlauf der etwa dreistündigen Aufführung durchlebt die Familie Antrobus eine Eiszeit, einen hedonistischen Ausbruch samt Ehebruch und eine düstere Nachkriegsszenerie.
- Immer wieder werden die Handlung und die Bühnenrealität durchbrochen, etwa wenn Stefanie Reinsperger als Sabina das Stück selbst kommentiert und das Publikum direkt anspricht.
- Die Inszenierung endet offen und thematisiert den ewigen Kreislauf von Krisen und Wiederaufbau, mit weiteren Aufführungsterminen am 24. und 29. März sowie am 6. und 25. April im Burgtheater.
