APA/APA/WUK/Jennifer Rohrbacher

Wiener WUK feiert prekäre Kunstform "Cirque Nouveau"

17. Nov. 2022 · Lesedauer 5 min

Der "Cirque Nouveau" ist vielen dank des berühmten Cirque du Soleil bekannt. Aber auch in Österreich gibt es sie: professionelle zeitgenössische Zirkusartisten, die das Zelt gegen die Bühne tauschen, auf Tiere verzichten und deren Programme eine theatralische Komponente haben. Oft müssen sie unter prekären Verhältnissen arbeiten, die Spielstätten seien rar, lautet die Kritik. Anders das Wiener WUK, wo sich die Szene von Freitag bis zum 26. November bei "On the Edge" zeigt.

Dass sich die Situation der zeitgenössischen Zirkuskünstler und -künstlerinnen - anders als im klassischen Zirkuszelt vorgelebt - nicht bloß heiter darstellt, zeigt eine im November veröffentlichte Umfrage der IG Freie Theaterarbeit. Als größte Baustellen hob die Interessensgemeinschaft, die 33 Fragebögen auswertete, die finanzielle Lage der Artistinnen und Artisten und mangelnde Verfügbarkeit von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie von Probe- und Spielorten in Österreich hervor.

Platz hat die Kunstform hingegen im Werkstätten- und Kulturhaus (WUK), in dem "On the Edge", ein Festival für experimentelle Zirkuskunst, zum dritten Mal stattfindet. Sandra Hanschitz nimmt sich im Tanz mit ihrem Cyr Wheel - einem großen Reifen - am 18. und 19. November etwa des Themas Loslassen an, dem Tänzer Viktor Černický dienen am 20. und 21. November gar 22 Konferenzstühle als Mittel, um die "unendliche Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion des Universums" darzustellen. Nur den Körper braucht das Duo Verena Schneider und Charlotte Le May ("Cie Kumquat"), bei ihren Auftritten am 24. und 26. November treffen Akrobatik, Tanz und Text zusammen.

Letztere zeichnen für "Handstand Memories", einen der im Foyer gezeigten Kurzfilme verantwortlich, auch Kontorsionistin ("Schlangenmensch") Elodie Guézou und Luftartistin Chloé Moglia steuern Filme bei. Beim Vernetzungs- und Diskursformat "coffee & circus" der Initiative feministischer Zirkus soll am Sonntag schließlich u.a. beantwortet werden, wer in der Zirkusszene sichtbar wird. Laut der IG Freie Theaterarbeit ist hingegen der zeitgenössische Zirkus selbst nicht sichtbar genug. Denn anders als das WUK würden viele Häuser und Spielorte die Kunstform nicht ernst nehmen oder als nicht programmierbar auffassen. Um bestehende Veranstaltungen besser auffindbar zu machen, sammelt die Initiative "Zirkus, Oida!" Zirkustermine seit heuer auf einer Website (www.zirkustermine.at).

Wie groß die Szene in Österreich ist, lässt sich laut Ulrike Kuner, Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit, schwer einschätzen. Sie befinde sich noch im Aufbau, viele stünden "an der Schwelle zur Professionalität". Auf der eigenen Website zähle man 128 Einträge von Zirkuskünstlern, -kollektiven und -akteuren. Laut Umfrage würden mindestens die Hälfte aller Befragten mit ihrem künstlerischen Einkommen unter der Armutsgrenze liegen. Mehr als ein Viertel gab an, auf einen anderen, nicht künstlerischen Job angewiesen zu sein. Doch selbst mit Zweitjob werde die Armutsgrenze "in den meisten Fällen kaum erreicht oder nur minimal überschritten", heißt es in den Ergebnissen.

Dass es in Österreich nicht genügend Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die zeitgenössischen Zirkuskünste gibt, darüber waren sich die Befragten einig. Eine berufsbegleitende Ausbildung bietet etwa die Zirkusakademie Wien, eine Vollzeitausbildung fehlt laut der Interessensgemeinschaft. Viele Interessierte würden sich deshalb in Richtung von Ländern wie Frankreich, Spanien oder Kanada orientieren und wegen fehlender Infrastruktur auch nicht nach Österreich zurückkommen, erklärt Kuner. Unstimmigkeiten gebe es auch bei der Förderung: Projektförderungen und Arbeitsstipendien gibt es etwa vom Kulturministerium, allerdings unter der Kategorie "Kulturinitiativen, Museen, Volkskultur", so Kuner. Die Stadt Wien oder die Bundesländer würden Zirkusproduktionen bei der Förderung teilweise mitbedenken, den Jurys würde allerdings oft die Expertise fehlen.

Dabei "ist der zeitgenössische Zirkus eine künstlerische Disziplin, die den anderen zeitgenössischen darstellenden Künsten in nichts nachsteht", hält Kuner fest. Akteure und Akteurinnen würden "eigene Produktionen mit eigenständiger Dramaturgie und Abendspiellänge" entwickeln. Die Interessensgemeinschaft fordert u.a. die Aufnahme der Kunstform in die Projekt- sowie Ein-, Zwei- und Vierjahresförderung für darstellende Kunst, Tour- und Wiederaufnahmeförderungen, Zirkusfestivals, Aus- und Fortbildungsprogramme sowie erreichbare Trainingshallen.

Kleinere und größere Festivals sorgen indes für Auftrittsmöglichkeiten - auch abseits von Wien: Die Adventzeit und der Beginn des neuen Jahres wird in der Stadt Salzburg vom "Winterfest" begleitet - dem laut eigenen Angaben größten Festival für zeitgenössischen Zirkus im deutschsprachigen Raum. Dabei sind von 1. Dezember 2022 bis 8. Jänner 2023 internationale Zirkuscompagnien wie der Schweizer Zirkus FahrAwaY mit seinem "Paletten-Ballett" oder der französische Le P'tit Cirk mit "Les Dodos", indem er die ausgestorbenen Vögel akrobatisch wiederauferstehen und erstmals abheben lässt.

Das Orpheum Graz frönt der Kunstform von 21. Dezember 2022 bis 8. Jänner 2023 beim Winter-Zirkusfestival "Cirque Noël". Von 26. bis 29. Jänner 2023 finden in Tirol die "Circustage Kufstein" statt - mit Jungstars, Zirkuscomedy und einem Mitmachzirkus für Kinder. Von 14. bis 17. September 2023 kommt dann das "Festival für zeitgenössischen Zirkus" ins Schloss Neubruck in Scheibbs (Niederösterreich).

(S E R V I C E - "On the Edge" von 18. bis 26. November im WUK Wien, www.ontheedge.at. Weitere Festivals: www.winterfest.at, www.cirque-neubruck.at, www.circustage.at, www.cirque-noel.at)

Quelle: Agenturen