Wiener Volkstheater schickt Ehetherapie auf Bezirketournee
Diese traditionsreiche Aufführungsschiene des Volkstheaters soll unter Jan Philipp Gloger und dem neuen Leitungsduo Julia Engelmayer und Anja Sczilinski zu neuer Blüte geführt werden. "State of the Union" stellt diese Absicht unter Beweis. "Nach 15 Jahren inszeniert erstmals wieder ein Künstlerischer Direktor des Volkstheaters persönlich im Volkstheater Bezirke", wirbt man und hat mit Johanna Wokalek als toughe Gerontologin Sophie, die zwar wie ihr Ehepartner Mitte 40 ist, sich aber nicht wie dieser bereits wie Mitte 60, sondern eher wie Mitte 30 fühlt, einen der neuen Stars des Hauses aufgeboten.
Ihr Kontrahent ist Tjark Bernau, der bei einem Lookalike-Wettbewerb als Double des Autors wohl auf den vorderen Plätzen landen könnte. Als arbeitsloser Musikjournalist Tom ist er mehr Teddy als Tiger. Von der Energie seiner Frau, die mit offener, professionell unterstützter Aussprache die Probleme lösen will, wird er nicht nur im übertragenen Sinn unter Druck gesetzt: Als sie die an ihn gerichtete Aufforderung, ebenfalls um ihre Ehe zu kämpfen, mit einem Schubs unterstützt, geht er zu Boden und bricht sich die Hand. Vermeintlich. Gips trägt er anschließend trotzdem. Und wird von seiner Frau bei der Beraterin verpetzt.
"Eine Ehe in zehn Sitzungen" nennt der Brite Nick Hornby ("Fever Pitch", "High Fidelity", "About A Boy") sein Stück, das 2019 von Stephen Frears als Mini-Serie herausgebracht wurde. Sein Trick besteht darin, nicht die Sitzungen selbst zu zeigen, sondern die Minuten der "Vorbesprechung" des Paares im Pub vis-a-vis, wo sich entscheidet, ob man in der anschließenden Sitzung "als Team" auftreten oder einander wehtun wird. Wobei Letzteres kaum passiert. Verglichen mit anderen Zimmerschlachten und Ehedramen sind die Szenen, die mit durchaus pointierten Dialogen aufwarten, harmlos. "State of the Union" ist mehr Komödie als Tragödie.
Kaum Schläge unter der Gürtellinie
Echte Beleidigungen und Demütigungen gibt es nicht, und obwohl es viel mehr um Sex als um das einander Wahrnehmen und Respektieren geht, landen die Schläge kaum je unter der Gürtellinie. Die Körperteile darunter wolle sie ja eher ermuntern, heißt es in einer der von Louise gesetzten Pointen. Und als Tom endlich aufwacht, ihr echte Aufmerksamkeit schenkt und sich bemüht, mit neuem Outfit wieder attraktiv für sie zu werden, erntet er Missmut und einen verletzenden Kommentar: "Bemüh' dich anders." Wirklich sauer ist sie aber nur, als sie entdeckt, dass er für den Brexit gestimmt hat. Es sieht aus, als wäre das der einzige relevante mögliche Scheidungsgrund.
Nicht nur die Wiedererkennbarkeit und Komik der Auseinandersetzung machen "State of the Union" zu einem idealen Stück für die Bezirketournee. Es erzielt seine Wirkung aus seinem Realismus und verzichtet ebenso wie die Inszenierung von Jan Philipp Gloger auf künstlerische Überhöhung. Gloger und seiner Ausstatterin Franziska Bornkamm reichen im Grunde zwei Sessel und ein Tisch, auf den die Getränke abgestellt werden können (er trinkt Bier, sie trockenen Weißwein, dieses Klischee wurde nicht ausgelassen).
Von Frank Sinatra bis Skunk Anansie
Die ganze Aufmerksamkeit gilt den beiden Darstellern, die so natürlich wie möglich agieren und - darunter leidet die Spannung - kaum je befürchten lassen, dass das Ganze tatsächlich aus dem Ruder laufen könnte. Die Songs, die Kostia Rapoport als Musik zwischen den einzelnen Runden ausgesucht hat, zeichnen das Ringen des Paares nach und reichen von Eliott Smith und Frank Sinatra über Beck und Björk bis zu Skunk Anansie.
Am Ende cancelt man die nächste Beratungsstunde und ordert lieber ein paar Drinks. Der Alkohol zeitigt offenbar Langzeitwirkung. Der elektronische Wochen-Zähler im Hintergrund rast daraufhin jedenfalls im Schnelldurchlauf. Die ausgehandelte "Liebe ohne Gefühl" währet immerdar. Oder zumindest bis zum langsamen Blackout in Woche 429.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "State of the Union - Eine Ehe in zehn Sitzungen" von Nick Hornby, Deutsch von Ingo Herzke, Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne & Kostüm: Franziska Bornkamm, Musik: Kostia Rapoport. Mit Tjark Bernau und Johanna Wokalek. Bis 17. März auf Tour durch die Bezirke. Termine: www.volkstheater.at )
Zusammenfassung
- Das Volkstheater Wien bringt Nick Hornbys "State of the Union" als Bezirketournee bis zum 17. März auf die Bühne.
- In zehn jeweils zehnminütigen Szenen wird gezeigt, wie ein Paar nach einem dreifachen Seitensprung der Frau versucht, die Ehe zu retten.
- Die Premiere fand im Haus der Begegnung Brigittenau statt, und mit Johanna Wokalek und Tjark Bernau stehen zwei neue Stars des Hauses auf der Bühne.
- Regie führt Jan Philipp Gloger, der als erster künstlerischer Direktor seit 15 Jahren wieder selbst im Bezirk inszeniert.
- Die Inszenierung setzt auf realistische, pointierte Dialoge und minimalistische Ausstattung, während die Musik von Frank Sinatra bis Skunk Anansie reicht.
