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Wiener Literaturmuseum zeigt Hommage an Ingeborg Bachmann

16. Nov. 2022 · Lesedauer 5 min

"Dieser Liebesroman in Briefen wird Literaturgeschichte, Zeitgeschichte und Liebesgeschichte schreiben und ist nebenbei noch - großartige, überwältigende Literatur." Höher als Iris Radisch jüngst in "Die Zeit" kann man die Erwartung auf ein Buch nicht hängen. Die Rede ist vom Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, der kommende Woche erscheint. Einen Frisch-Brief an Bachmann aus 1959 gibt es nun in einer Ausstellung im Wiener Literaturmuseum zu sehen.

Für die Exponate der Schau "Ingeborg Bachmann. Eine Hommage", die am Abend eröffnet wird und bis 5. November 2023 zu sehen ist, mussten die Bachmann-Erben ebenso ihr Einverständnis geben wie für die Veröffentlichung des Briefwechsels bei Piper und Suhrkamp, sagte Literaturmuseum-Leiter Bernhard Fetz bei der heutigen Pressekonferenz. Denn der umfangreiche Bachmann-Nachlass, der 1978 von den beiden Geschwistern der 1973 in Rom gestorbenen Dichterin der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) geschenkt wurde, besteht aus einem ungesperrten und einem gesperrten Teil, der neben privaten Aufzeichnungen und einzelnen Werkblättern auch alle Korrespondenzstücke umfasst.

Über 6.000 Briefe von über 1.000 Korrespondenzpartnern seien im Nachlass enthalten und stellten wichtige Dokumente der Lebensgeschichte dar, sagte Michael Hansel, der mit Kerstin Putz die Ausstellung kuratierte. Diese seien zumindest bis Ende 2025 gesperrt - es sei denn, die Erben stimmten extra zu, wie es nun geschehen sei. Rund 300 Briefe von Frisch an Bachmann besitzt die ÖNB. Die Briefe der Dichterin liegen dagegen im Frisch-Archiv, da Bachmann - anders als der Schweizer - keine Abschriften ihrer eigenen Briefe aufbewahrte und Frisch nach der Trennung dem dringenden Wunsch Bachmanns nicht nachkam, ihre Briefe zurückzugeben oder zu vernichten. Für Radisch übrigens kein Problem: "Die von Ingeborg Bachmann prophezeite Verletzung des Briefgeheimnisses, die diese Veröffentlichung zweifellos ist, wird durch das Erlebnis, die schmerzliche Zerrissenheit und die Emphase dieser beiden Toten nachzuvollziehen, mehr als aufgewogen", schreibt die Literaturkritikerin. Frisch verwendete alles als Material seiner Literatur - auch seine Beziehung zu Bachmann. In der Ausstellung sieht man Bachmanns Handexemplar von Frischs 1964 erschienenen Roman "Mein Name sei Gantenbein" und einen Einlagezettel, auf dem sie jede Seite notiert hatte, auf der sie sich oder gemeinsam Erlebtes wiedererkannt hatte.

Ingeborg Bachmann (1926-1973) sei "eine der bedeutendsten und schillerndsten Schriftstellerinnen der jüngsten Zeit", sagte ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger. Insofern ist für die "repräsentative und detailreiche Schau", die nicht nur ihre Bedeutung als Schriftstellerin, sondern auch als "stets wache Intellektuelle" würdige, kein äußerer Anlass nötig. Dennoch versteht sich die in zehn Themenkapitel gegliederte Ausstellung, die viele Fotografien, Dokumente und Manuskriptteile erstmals zeigt und auch von einem "profile"-Sonderband begleitet wird, als Vorbote des 50. Todestags am 17. Oktober 2023. Die Aktualität ihrer Literatur - in der Salzburger Bachmann Edition ihrer Werke erschien zuletzt Bachmanns zweite Lyriksammlung "Anrufung des Großen Bären" (1956) - ist jedoch ungebrochen, von ihr bearbeitete Themen wie Geschlechterverhältnis oder Vergangenheitsaufarbeitung sind wichtiger denn je.

In vieler Weise haben die Kuratorin und der Kurator versucht, diese anhaltende Wirkung von Bachmanns Texten zu unterstreichen - etwa durch Video-Interviews mit Ruth Beckermann oder Sabine Gruber. Auch ein Foto des "Ingeborg Bachmann Altars", den der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn in Berlin im öffentlichen Raum gestaltete, ist in die Schau integriert. Die "mythische Figur", die "präsent und unnahbar zugleich" war und ein "Wechselspiel von Verschleiern und Offenlegen" betrieb (Fetz), entfaltet aber erst in manchen erstaunlichen Objekten ihre Aura.

Zu sehen ist natürlich das berühmte "Spiegel"-Cover 1954, das die damals 28-Jährige als eine herausragende junge Vertreterin deutscher Nachkriegslyrik würdigte (und in einem launigen Reportage-Text beschrieb, wie sich Bachmanns römische Nachbarn über ihr nächtliches Schreibmaschinengeklapper beschwerten), ein erstaunlich literarischer Brief des späteren US-Außenministers Henry Kissinger an Bachmann, ein Telegramm Bachmanns an Peter Handke aus 1972 ("Bloss damit du weisst wie sehr viel ich denk an dich ..."), nie zuvor öffentlich gezeigte Filmaufnahmen des damaligen Kulturattachés Hans Marte von Bachmanns Reise nach Polen und ihrem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau aus dem Jahr 1973, ein Video-Interview mit Bachmanns Bruder Heinz oder Ausschnitte des Dokumentarfilms "Ingeborg Bachmann in Italien", laut Kerstin Putz "die letzten offiziellen Filmaufnahmen, die von Bachmann gemacht wurden". Und wer will, kann auf einer Olivetti-Schreibmaschine der Dichterin einen Gruß tippen.

Mit dieser Hommage ist Ingeborg Bachmann nun nicht nur lesenswert, sondern auch sehenswert. Denn für die Ausstellungsmacher trifft jenes Zitat nicht zu, das die Herausgeber des Briefwechsel-Bandes als Titel gewählt haben: "Wir haben es nicht gut gemacht."

(S E R V I C E - "Ingeborg Bachmann. Eine Hommage", Ausstellung im Literaturmuseum der ÖNB, Wien 1, Johannesgasse 6, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr. www.onb.ac.at, bis 5. November 2023. Begleitbuch, erschienen im Zsolnay Verlag, Hg. von Michael Hansel und Kerstin Putz, 304 Seiten, 27,80 Euro, ISBN 978-3-552,07291-6, Ingeborg Bachmann, Max Frisch: "Wir haben es nicht gut gemacht. Der Briefwechsel.", Suhrkamp und Piper, 1040 Seiten, 41,20 Euro, ISBN 978-3-518-43069-9, Der Band erscheint am 21.11.; Buchpräsentationen am 6.12., 20 Uhr, im Burgtheater, und am 13.12., 19.30 Uhr, im Literaturhaus Salzburg)

Quelle: Agenturen