APA - Austria Presse Agentur

Wiener Festwochen: Zum Auftakt regiert die einsame Königin

27. Aug 2020 · Lesedauer 3 min

Es war ein in jeder Hinsicht besonderer Auftakt für die kleine Herbstausgabe der Wiener Festwochen, die Mittwochabend eröffnet wurde. Intendant Christophe Slagmuylder verzichtete nach der Absage des eigentlichen Festivals im Mai nun auf großes Event mit Pauken und Trompeten, sondern setzte auf einen denkbar ruhigen, reduzierten Beginn mit der großen Anne Teresa De Keersmaeker im kleinen Format.

Es war ein in jeder Hinsicht besonderer Auftakt für die kleine Herbstausgabe der Wiener Festwochen, die Mittwochabend eröffnet wurde. Intendant Christophe Slagmuylder verzichtete nach der Absage des eigentlichen Festivals im Mai nun auf großes Event mit Pauken und Trompeten, sondern setzte auf einen denkbar ruhigen, reduzierten Beginn mit der großen Anne Teresa De Keersmaeker im kleinen Format.

Im Museumsquartier präsentierte die belgische Choreografielegende als Uraufführung ihre sechste Auseinandersetzung mit der Musik von Johann Sebastian Bach - diesmal mit den "Goldberg-Variationen", jenem 1741 geschriebenen Gral der Barockmusik, der doch viel zu fein gesponnen scheint für derlei Superlative. Anders als im Vorjahr, als De Keersmaeker bei den ersten Festwochen unter Leitung ihres belgischen Landsmannes Slagmuylder zu Bachs "Brandenburgischen Konzerten" mehrere Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne schickte, konzipierte sie nun ein Solo für sich selbst.

Dies hat sich die jüngst 60 Jahre alt gewordene De Keersmaeker im Corona-Lockdown gleichsam selbst zum Geburtstagsgeschenk gemacht. Mittlerweile mit silberfarbenem Zopf und doch wie gewohnt stets mit dem Antlitz der Schmerzensmutter, geht sie in den Dialog mit der Aria und ihren 30 Variationen. Eine Blackbox dient hierbei als Spielort, einzig mit einem Piano und einer silbrigen Folie an einer Wand, die einen sanften Lichtkegel auf den Boden wirft.

Bei der Premiere stand De Keersmaeker wie bei den meisten Festwochen-Terminen der junge russische Pianist Pavel Kolesnikov zur Seite. Luftig und bisweilen manieriert, mit jazzigen Retardierungen bürstet der 31-Jährige das Großwerk für sein Instrument teils gegen den Strich - und stellt damit das ideale Pendant für seine Tanzpartnerin dar.

Den Rhythmus gibt Bach vor, die Tänzerin folgt jedoch keineswegs sklavisch den Klängen. Nuancen der Veränderungen versus Repetition ist in beiden Fällen die treibende Kraft. Jedes der Elemente steht für sich und ist doch verwoben. Tanz und Musik sind zwei Zeitebenen, die getrennt voneinander laufen und sich doch wie zwei Planeten auf ihrer Umlaufbahn immer wieder regelmäßig begegnen.

Die Strenge der kompositorischen Struktur spiegelt sich dabei in der gewohnten Strenge De Keersmaekers wider. Zunächst im schwarzen, durchsichtigen Chiffonkleid, danach im Hosenanzug stellt sich die Tänzerin immer wieder bewusst gegen die Musik, setzt Momente der Stille, der Dunkelheit und Asynchronität in den Fluss. De Keersmaeker dreht sich um sich selbst, ruht gleichsam in ihrer eigenen Achse und ist dabei doch alles andere als statisch. Sanftheit und ein stetes Zurückschrecken vor der eigenen Bewegung kennzeichnen ihren Ansatz.

Die Repetition ist dabei weit schwächer ausgeprägt als in Bachs tonaler Grundierung. Nur hie und da tauchen gleich einem tänzerischen Leitmotiv typische Signature Moves De Keersmaekers auf, wie die Sensenbewegung oder das Formen eines Rechtecks mit den Fingern als Symbol des begrenzten Blickwinkels. Und zugleich zeigt sich die Belgierin im beginnenden siebenten Lebensjahrzehnt immer wieder auch ungewohnt humorvoll, springt wie über Steine in einem Flussbett oder streut gar John Travoltas Sterndeutermove aus "Saturday Night Fever" ein.

Die Coronaepoche hat eben offenbar auch bei Anne Teresa De Keersmaeker ihre Spuren hinterlassen - was sich auch in den verabschiedenden Worten der Künstlerin vor dem jubelnden Publikum zeigte: "Es ist wichtig in diesen Zeiten, dass Sie hier sind. Vielen, vielen Dank!"

Quelle: Agenturen