APA - Austria Presse Agentur

Wiener Autorin und Regisseurin Milena Michalek startet durch

10. Sept 2021 · Lesedauer 4 min

"Und da bin ich auf diese Korallen so reingekippt." Milena Michalek benutzt gerne ihre Hände, wenn sie spricht. Die Theaterregisseurin erzählt von ihrer Stückentwicklung "Koralli Korallo", die am 14. September im Wiener Kosmos Theater uraufgeführt wird. Ausgangspunkt war die Pandemie und die normal gewordene Auseinandersetzung mit dem Sterben. "Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass eine Gesellschaft sich so sehr mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt wie jetzt."

Mit der Schließung der Kultureinrichtungen im Frühjahr war für Michalek eine wichtige Ausdrucksform unmöglich geworden. "Ich habe mich amputiert gefühlt, weil ich mich jenseits von Fakten nicht mit den Themen um mich herum, wie zum Beispiel dem Sterben, auseinandersetzen konnte. Ich brauche Kunst, um Dimensionen zu begreifen", sagt sie im Gespräch mit der APA Das Thema Sterblichkeit hatte sich in Michaleks Hinterkopf bereits festgesetzt, als sie begann, ein Buch von Jutta Person über Korallen zu lesen, das Naturgeschichte mit Kulturgeschichte verbindet. "Ich habe tatsächlich erst am Ende begriffen, wie stark die Korallen vom Aussterben bedroht und vom Klimawandel betroffen sind." Mit ihrer Stückentwicklung möchte die 1993 in Wien geborene Autorin eine Verbindung herstellen zwischen dem Sterben von Menschen und dem Sterben der Natur. Denn auch wenn es um die Folgen des Klimawandels geht, die meist in Zahlen ausgedrückt werden, vermisst Michalek "die sinnliche Auseinandersetzung". "Koralli Korallo" soll ein Stück weit Statistiken in Affekte, in Empathie übersetzen und "das Sterben von Menschen als etwas Trauriges zulassen, was in der Pragmatik der Pandemie-Verwaltung nicht stattfindet".

Michalek erhielt Anfang September den Hermann-Sudermann-Anerkennungspreis für Dramatik. Der mit 3.000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Theater in Berlin im Rahmen des Festivals Autor:innentheatertage vergeben. Michalek war vergangenes Jahr mit ihrer Stückentwicklung "Schwieriges Thema" zu den Autor:innentheatertagen für ein Gastspiel am Deutschen Theater eingeladen worden. Nachdem Pandemie-bedingt das Gastspielprogramm abgesagt werden musste, vergab das Deutsche Theater stattdessen Schreibaufträge an alle eingeladenen Autorinnen und Autoren. Milena Michalek schrieb das Kurzstück "Das hier", welches nun ausgezeichnet wurde.

Das Deutsche Theater hat nun für den Herbst ein Autor:innenatelier gegründet, um die Zusammenarbeit mit jungen Autorinnen und Autoren zu stärken und weniger zielorientiert zu gestalten. Milena Michalek ist eine von fünf Autorinnen und Autoren, die eingeladen wurden, um abwechselnd für einen Monat ein "Kämmerchen", wie Michalek es nennt, im Deutschen Theater zu beziehen. Ziel ist ein gegenseitiger Austausch über das Theatermachen, ein Begleiten von dem, was im Haus passiert. "Es ist eine Gastautorschaft. Was wir dann genau dort machen, ist uns freigestellt."

Michalek ist schon seit Kindheitstagen mit Theater vertraut: "Es hat mich immer schon begleitet, als Sehnsuchtsort." Als Tochter von Veronika Steinböck, Leiterin des Kosmos Theaters, beschreibt sie die Zusammenarbeit mit der eigenen Mutter als sehr positiv. "Ich finde es jedes Mal aufs Neue faszinierend - das muss man mir jetzt glauben -, wie gut wir es hinbekommen, das Private und das Berufliche zu trennen." Den Austausch über das Theatermachen pflegen Mutter und Tochter schon lange. Michalek fühlt sich wohl am Kosmos Theater. "Es hat nicht nur damit zu tun, dass die Intendantin meine Mutter ist, sondern liegt daran, dass sie ihre Arbeit toll macht. Ich finde es wichtig, dass man Teil des Ensembles wird. Natürlich mit anderen Aufgaben, aber ich begreife die Produktionsstätte als Teil der Produktionsbedingungen. Das ist für mich eine wichtige Voraussetzung, um frei arbeiten zu können. Ich nehme das hier am Kosmos Theater so wahr, aber ich habe das auch in anderen Häusern schon erlebt."

Ihren persönlichen Theaterbegriff beschreibt Michalek als "körperlich". Die Regisseurin denkt laut über die Idee nach, künftig auch mit Choreografinnen und Choreografen zusammenzuarbeiten. "Ich selbst gehe sehr intuitiv an die Sache heran, ich finde das auch cool. Aber es würde mich interessieren, was passieren würde, wenn noch jemand anderes dabei wäre, der oder die mehr Expertise hat." Zusammenarbeit ist für Michalek im Schaffensprozess sehr wichtig. Frühere Stückentwicklungen sind in Kooperation mit dem von ihr mitbegründeten YZMA-Kollektiv entstanden. "Jetzt versuche ich, mir drei Identitäten zu errichten: einerseits als Autorin, die schreibt, andererseits als YZMA-Mitglied, denn wir machen auch weiterhin Stücke, und drittens als Regisseurin, die Stückentwicklungen macht."

(Das Gespräch führte Maëlle Nausner/APA)

Quelle: Agenturen