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Wien Modern: Neugeburt für Neuwirths neues Nein

14. Nov. 2022 · Lesedauer 3 min

Es sind zwei wuchtige Monumente, die am Sonntag bei Wien Modern aufeinandertrafen: das Angewandte Interdisciplinary Lab - vulgo Otto Wagners Postsparkasse - und Olga Neuwirths satte 619 Minuten dauernder Zyklus "coronAtion", der in toto erstmals erklang. Ein Großprojekt des Festivals, das einem seiner Stammgäste gleichsam den Roten Teppich ausrollte.

Um präzise zu sein, waren es dabei nicht zwei Monumente, die zusammenkamen, sondern acht, gliedert sich der in der Coronazeit von Neuwirth geschriebene Reigen doch in sechs Teile, von denen zwei auf der anderen Seite der Ringstraße, in der Säulenhalle des MAK, erklangen. Dass der Coronalockdown der Tonsetzerin das Gemüt nicht unbedingt hob, zeigt sich nicht zuletzt am Titel der Werke "Ach, ich bin verwundet" oder "Einen sterbenden Funken weitertragend". "Alle Stücke dieses Zyklus sind das Protokoll und Überdenken meines eigenen Komponierens", zeigte sich Neuwirth jüngst im "Kleine Zeitung"-Interview reflektiv: "Bei mir ging es von 180 auf Null."

Die dramatische Haltung offenbarte bereits "coronAtion I" zum Auftakt, bei der ein düsteres Sample samt Frauenstimme den Klangteppich darstellt, auf dem ein Solopercussionist in technoider, zum Industrial-Design der Postsparkasse passenden Gestus extemporiert. Nr. 3 kontrastiert hingegen Vogelsamples mit dem Röhren von Saxofon und Bassklarinette samt E-Bass, wobei sich letztere eingrooven und von der Konfrontation schrittweise hin zur Imitation gehen.

Das Herzstück stellt allerdings das weitaus längste Segment Nr. 4 dar, das drei Schlagwerke und Samples vereint, die über eine halbe Stunde hinweg einen sich langsam entwickelnden jazzigen, hypnotischen Sog entstehen lassen, bis das stete Crescendo letztlich kulminiert - eine Schweißarbeit für die Musizierenden, die in 19 Wiederholungen bis kurz vor Mitternacht vollführt wurde.

Zeitlich limitierter ging es indes im MAK zu, wo im Stundentakt die nur wenige Minuten langen "coronAtion II" und "VI" erklangen. Im Atrium offenbarte sich der als Raumkomposition angelegte Gestus der Komponistin, beginnen die Musiker doch hier in den vier Ecken, um letztlich beim Klavier in der Mitte zu landen. Ein Klangraum aus Nachhall, der sich hier auftürmt.

Und doch stellt mutmaßlich "coronAtion VI" die prototypischste für Olga Neuwirth dar, trägt diese doch schlicht den sprechenden Titel "No". Dafür hat die Komponistin Freunde und Freundinnen gebeten, das englische "Nein" einzusprechen - ein internationaler Chor der Negation, den Neuwirth zur Soundcollage vereinte. Ein weiteres Nein ist nun bereits am heutigen Montagabend im Musikverein zu erleben. So hat Starkünstler Baselitz seinen Text "Nicht nee nee nee nicht no" für Neuwirths neues Werk "Georg Baselitz" eingesprochen.

(S E R V I C E - www.wienmodern.at)

Quelle: Agenturen