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"We are all strangers": Zwei Hochzeiten und ein Todesfall

16. Feb. 2026 · Lesedauer 3 min

Ein langer Titel, ein langer Film: Egal, wie Anthony Chens "Wo Men Bu Shi Mo Sheng Ren" ("We are all strangers") am Ende beim Preisregen der Berlinale aussteigen wird, im Rennen um den längsten Titel des heurigen Wettbewerbs ist der erste singapurische Film in dieser Königsklasse ganz vorne mit dabei. Der 41-jährige Regisseur erzählt in gut zweieinhalb Stunden vom Leben einer Familie in der Wirtschaftsmetropole. So banal wie das Leben eben ist - und so berührend.

"Familie ist kompliziert", lautet die Tagline, die das Festival dem Werk zugeordnet hat. Und dies ist fraglos richtig, wenn Anthony Chen das Geflecht einiger Menschen langsam wachsen lässt. Da ist Vater Boon Kiat (Andi Lim), der in seiner Nudelbraterei schuftet, um die Familie durchzubringen. Sohn Junyang (Koh Jia Ler) absolviert indes anfangs seinen Wehrdienst, weiß aber nicht viel mit sich anzufangen.

Als seine Freundin Lydia (Regene Lim) ungewollt schwanger wird, steht die Heirat an, und die Jungfamilie zieht zu Boon Kiat in die kleine Wohnung. Der nähert sich unterdessen der temperamentvollen Kellnerin Bee Hwa (Yeo Yann Yann) an, die dringend eine Wohnung braucht. Aus der anfänglichen Zweckheirat wird am Ende echte Liebe werden, als Boon Kiat erkrankt.

Es ist ein einfaches Leben, das Chen hier schildert - und das in einem sehr ungewöhnlichen Gestus. Vieles wird nur kurz angedeutet, wenn überhaupt gezeigt, was vornehmlich für jene Zentralstellen im Leben gilt, die im gängigen Film die Dreh- und Angelpunkte der Geschichte darstellen. Heiratsanträge, die Mitteilung von Krebsdiagnosen an die Familie oder Geburten spielen keine Rolle.

Dafür nimmt sich Chen Minuten Zeit, Boon Kiat und die angetrunkene Bee Hwa bei einem ersten Kennenlernen angetrunken durch die Stadt torkeln zu lassen. Es ist der Alltag, der ja auch im realen Leben den Hauptteil einnimmt, der hier bestimmend ist. Nicht die kurze Ausnahmesituation.

Das Leben und die Gesellschaft

"We are all strangers" erzählt von der Ziel- und Sorglosigkeit der Jugend und der des Alters. Er thematisiert Wertvorstellungen über die Generationen hinweg, Brüche und Annäherungen. Es geht um Verantwortung füreinander und Liebe, die sich erst entwickelt. Und selbst wenn streckenweise die Narration beinahe wie in alten Serien dramaturgisch vor sich hin plätschert, erzählt Chen wie nebenbei auch von den sozialen Spannungen in der Wirtschaftsmetropole Singapur, der Diskriminierung von Arbeitsmigranten oder von der Rolle der Frau.

Einen Kamerapreis wie für sein Debüt "Ilo Ilo" in Cannes wird Anthony Chen mit "We are all strangers" in Berlin wohl nicht gewinnen, bleibt das Bild doch primär Diener der Geschichte. Für Serienfans, die das Binge-Watching lieben, hat der Film jedoch einiges Potenzial.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - www.berlinale.de/de/2026/programm/202610539.html )

Zusammenfassung
  • Anthony Chens Film "We are all strangers" ist der erste singapurische Beitrag im Berlinale-Wettbewerb und erzählt in gut zweieinhalb Stunden vom Leben einer Familie in Singapur.
  • Im Mittelpunkt stehen alltägliche Erfahrungen und Generationenkonflikte, wobei zentrale Lebensereignisse wie Heiratsanträge oder Krankheitsdiagnosen nur angedeutet werden.
  • Der Film thematisiert neben Familienbeziehungen auch soziale Spannungen in der Wirtschaftsmetropole, darunter Diskriminierung von Arbeitsmigranten und die Rolle der Frau.