APA/APA/Volkstheater

Volkstheater widmet sich der Ausbeutung der Alpen

Was passiert mit den Alpen, wenn der Schnee geschmolzen und der Tourismus am Ende ist? Dieser Frage widmet sich Fiston Mwanza Mujila in seinem Stück "Après les Alpes", das er in Folge der Auseinandersetzung mit Elfriede Jelineks 2002 uraufgeführtem Kaprun-Stück "In den Alpen" für das Volkstheater verfasst hat. Claudia Bossard hat die beiden nicht leicht zu greifenden Texte zu einem dystopischen Doppelabend verwoben, der am Freitag heftig akklamiert wurde.

Es ist eine Art Zwischenwelt, in der einige der 155 Opfer der Gletscherbahnkatastrophe aus dem Jahr 2000 gefangen sind: In einer abgewrackten Talstation sinnieren sie über die Sinnlosigkeit ihres grauenvollen Todes, ihre vergebenen Möglichkeiten in der Zukunft und die Arglosigkeit, mit der sich Tausende Menschen tagein tagaus auf die heimischen Gipfel kutschieren lassen. Die riesige Glaswand gibt im Hintergrund den Blick auf einen glitzernden, um sich selbst kreisenden Meteor frei, der dem Setting eine weitere abstrakte Ebene verleiht (Bühne: Elisabeth Weiss).

Während einem kleinen Buben klar wird, dass aus seiner Familie nur der bei den Großeltern verbliebene kleine Bruder überleben wird, spuckt ein Gepäckband immer weitere Heizlüfter aus. Einem solchen wurde im Prozess, bei dem damals alle 16 Angeklagten freigesprochen wurden, schließlich die alleinige Schuld an der Katastrophe gegeben. 2020 schrieb Jelinek den Text "Die Maschine ist unschuldig!", den Bossard in das Stück eingewebt hat und den Anna Rieser mit Inbrunst vorträgt. Bereits in den Ursprungstext eingearbeitet hatte Jelinek Paul Celans "Gespräch im Gebirg", womit sie auf den Ausschluss von Juden aus den Alpenvereinen und Hütten während des Nationalsozialismus Bezug nahm.

Während die Erzählung über Massentourismus und das österreichische Phänomen der Leugnung von Verantwortung sprachlich immer buntere Blüten treibt, entfernen die Bühnenarbeiter immer mehr Teile der Kulisse, bis nur mehr die nackte Bühne übrig bleibt und nahtlos zu Mujilas (etwas kürzerem) Text übergeleitet wird. Im Zentrum steht mit Julia Franz Richter die exaltierte Frau Gartner und ihr Nachnutzungsprojekt für die mittlerweile touristenfreien Alpen. Warum sollen die Menschen nur im globalen Süden in den Minen schuften? Schließlich erweisen sich die Alpen laut ihren Forschungen als wahres Rohstoff-Wunder, mit dem Verkauf der Berge sei das große Geld zu machen. Als Kompensation bietet sie der schockierten Bevölkerung die Nachbildung des Großglockners in Städten wie Wien, Linz und Graz an, was einem passionierten Nachkommen einer Skilehrer-Dynastie (Nick Romeo Reimann) die letzten Nerven kostet. An Frau Gartners Seite kämpft Uwe Rohbeck als eines ihrer 32 Kinder für die Idee der umgekehrten Kolonialisierung.

Nicht immer ist den Vorgängen leicht zu folgen, oft überstrahlen (mehr oder minder solide) Gesangs- und Akrobatik-Einlagen (wie das wiederholte Springen von einer meterhohen Flugzeugtreppe) die eigentliche Handlung. Die teils ins Klamaukhafte kippende Exaltiertheit der Protagonistinnen und Protagonisten bringt zwar einige Lacher im Publikum, lenkt aber - sowohl bei Jelinek als auch bei ihrem aus dem Kongo stammenden und seit 2009 in Graz lebenden Kollegen - von den sprachlichen Feinheiten ab. Dennoch ist Bossard ein über weite Strecken packender Abend gelungen, der Themen wie Massentourismus, Klimawandel, Kolonialismus, Rassismus und schließlich auch Ischgls Umgang mit der Corona-Pandemie verhandelt. Das ist für zweieinviertel pausenlose Stunden ganz schön viel. Mujilas Text ist durchaus zu wünschen, dass er in Zukunft auch einmal für sich allein auf die Bühne gebracht wird. Denn der nächste Winter mit Schneemangel kommt bestimmt.

(S E R V I C E - "In den Alpen/Après les Alpes" von Elfriede Jelinek/Fiston Mwanza Mujila im Volkstheater. Regie: Claudia Bossard, Bühne: Elisabeth Weiss, Kostüm: Mona Ulrich, Video und Sound: Annalena Fröhlich. Mit Nick Romeo Reimann, Julia Franz Richter, Anna Rieser, Uwe Rohbeck, Christoph Schüchner und Stefan Suske. Weitere Termine: 22. Februar sowie 26. und 31. März. www.volkstheater.at)

ribbon Zusammenfassung
  • Was passiert mit den Alpen, wenn der Schnee geschmolzen und der Tourismus am Ende ist?
  • Dieser Frage widmet sich Fiston Mwanza Mujila in seinem Stück "Après les Alpes", das er in Folge der Auseinandersetzung mit Elfriede Jelineks 2002 uraufgeführtem Kaprun-Stück "In den Alpen" für das Volkstheater verfasst hat.
  • Im Zentrum steht mit Julia Franz Richter die exaltierte Frau Gartner und ihr Nachnutzungsprojekt für die mittlerweile touristenfreien Alpen.