APA - Austria Presse Agentur

Volksoper läutet neue Saison mit "Sweet Charity" ein

14. Sept 2020 · Lesedauer 2 min

Bisweilen werden Werke wiederentdeckt, bei denen man sich als Zuschauer fragt, wie es möglich war, dass diese Preziose je von den Spielplänen verschwand. Und dann gibt es jene Stücke, bei denen man sich als Zuschauer diese Frage nicht stellen muss. Cy Colemans und Neil Simons "Sweet Charity", das am Sonntag die neue Saison in der Volksoper offiziell einläutete, gehört leider in letzte Kategorie.

Zu langatmig und unausgewogen ist die 1966 uraufgeführte Geschichte der ebenso naiven wie herzensguten Prostituierten Charity Hope Valentine, die sich durch das Leben treiben lässt und dabei immer wieder auf die Nase fällt - jedoch ohne den Glauben an die Liebe und ihre Hoffnung zu verlieren. Das Hauptproblem stellt der Text des Boulevardkomödienexperten Neil Simon dar, der hier Fellinis Film "Die Nächte der Cabiria" leider blutarm adaptierte.

Vor allem in der ersten Hälfte treibt Charity durch letztlich zusammenhangslose Szenen, ohne tiefere Personenentwicklung und mit zu langen Dialogpassagen ohne Sprach- und im aktuellen Falle vielfach auch ohne Spielwitz. Das ist umso bedauerlicher, da Cy Colemans Musik zwischen klassischem 60er-Swing und Popanklängen einige der größten Klassiker des Broadways zu bieten hat - vom ikonischen, vielfach besungenen "Big Spender" bis zu "Rhythm of Life".

Der unbestrittene Star des Abends an der Volksoper ist dabei Lisa Habermann, die sich hinter Vorgängerinnen in der Titelpartie wie Gwen Verdon und Shirley MacLaine nicht zu verstecken braucht. Mit charmant-reifem Timbre und schauspielerischen Qualitäten dominiert sie die Bühne. Sie trifft hierbei auf einen italienischen Filmstar (Axel Herrig als stimmlich schwacher Vittorio Vidal), einen Guru (gewohnt glamourös Drew Sarich im "Rocky Horror Picture Show"-Stil) und am Ende den biederen Steuerberater Oscar Lindquist (ein gegen seine Partnerin in mehrfacher Hinsicht verblassender Peter Lesiak).

Angesichts der schwierigen Vorlage stellt Johannes von Matuschkas Regie ein großes Plus dar. Gemeinsam mit dem Bühnenbildnerduo fettFilm, bestehend aus Momme Hinrichs und Torge Möller, gelingen schnelle Szenenwechsel mit teils einfachsten Mitteln. Oftmals dienen nur große Buchstaben als Lichtelemente zur Raumerschaffung, dann entsteht in Windeseile ein U-Bahn-Waggon aus kleinen, vorbeiziehenden Lichtprojektionen. Und hin und wieder setzt man auch auf aufwendigere Raumelemente wie einen sich drehenden Aufzug. Die Inszenierung setzt hier jene dynamischen Screwball-Qualitäten, die das Stück selbst nicht besitzt.

Quelle: Agenturen