"Verräter" - Verzweiflung in einer scheinbar heilen Welt
Die junge Josefine (Gemma Vannuzzi) fühlt sich zu Frauen hingezogen. Diese anfangs diffuse Neigung stellt für die Mutter (Gunda Schanderer) ein rotes Tuch dar. Mit Hilfe des Pfarrers (Helmuth Häusler), der von allen "Vater" genannt wird, will sie Josefine auf den "richtigen", den "rechten" Weg bringen, wie es im Stück heißt. Der Pfarrer übergibt Josefine nach einem ihrer Gespräche ein Tagebuch, das ihr die Folgen und Nöte des "sündhaften Verlangens" aufzeigen soll. Außerdem will er sie von ihren Träumen von einem erhängten Mann im Garten abhalten. So weit fühlt man sich anfangs in eine vergangen geglaubte Zeit an einen entlegenen Ort versetzt: Ein hermetisch abgeriegeltes, unverrückbares Denksystem, dabei beklemmend isoliert von der Welt. Es gehe um "Schuld-geben" und "schlechtes-Gewissen-machen", wie Regisseurin Anna-Katharina Wurz im Pressegespräch vor der Premiere beschrieben hatte.
Was anfangs noch wie das antiquierte Setting eines Volksstückes anmutet, entwickelt im weiteren Verlauf individuelle und gesellschaftliche Relevanz sowie einen dramaturgischen Sog, der die zunehmende Verzweiflung von Josefine auf vielen Ebenen ansteigen lässt. Wie von Geisterhand verrückt zum Beispiel ein Wandbild, das die Mutter partout wieder gerade richtet. Das zu Beginn statische Bühnenbild (Nina Scarazola) gerät analog zur Befindlichkeit der Protagonistin in Bewegung.
Dabei gibt es im Stück kein Schwarz-Weiß. Auch der Pfarrer und die tiefgläubige Mutter sind fein gezeichnet, sie meinen es gut und wollen ihrem Weltbild entsprechend helfen. Doch zwischendurch klingen die einen oder anderen haarsträubenden Aussagen durch, die kaum Fragen offen lassen. Lauter wird die sonst behutsam-feinfühlige Inszenierung, wenn die tragische Erkenntnis durchbricht, dass die innere Misere vor allem vom Umfeld verursacht wird. Da rücken auch die Bühnenelemente zusammen und vermitteln Enge, wie die "Berge rundherum, über die man nie hinauskommen wird". Auch die Musik von Joachim Werner lädt die Atmosphäre zunehmend auf und lässt den steigenden Druck spüren.
Verquickung von Tagebuch und Hauptfigur
Gemma Vannuzzi spielte die zunehmend in Verzweiflung getriebene Josefine grandios mit Zerbrechlichkeit und Minimalismus. Kraftvoll kann sie auch, sie deutete dies für diese Rolle aber nur an, wenn einmal die Wut herausbricht. Magnus-Remy Schmidt als das personifizierte "Tagebuch" glänzte als Pendant, das die Unmöglichkeit seiner Liebe in symbolhafte, lyrische Sprache fasste und so auch für Josefine sprach.
Das 2022 fertig gestellte Drama "Verräter" ist das älteste der bisher aufgeführten Stücke von Lisa Wentz. Die Abschlussarbeit ihres Studiums setzt in den dialektgefärbten Dialogen auf Nähe, während oft das Unausgesprochene vielsagend bleibt. Wentz wurde 1995 in Tirol geboren und gilt mittlerweile als eine der meistgespielten jungen Dramatikerinnen Österreichs. Für ihr Stück "Adern" hat sie den Retzhofer Dramapreis sowie den Nestroy gewonnen. David Bösch, mittlerweile Schauspieldirektor am Linzer Landestheater, hat "Adern" am Akademietheater sowie das Auftragswerk "Azur" in der Josefstadt inszeniert.
(Von Bernhard Steinmaurer/APA)
(S E R V I C E - "Verräter" von Lisa Wentz, Uraufführung. Inszenierung: Anna-Katharina Wurz, Bühne und Kostüme: Nina Scarazola Musik: Joachim Werner, Dramaturgie: Martin Mader. Mit Jan Gemma Vannuzzi (Jo - Josefine, Fine), Gunda Schanderer (Mutter), Helmuth Häusler (Vater), Magnus-Remy Schmidt (das Tagebuch). Weitere Vorstellungen am 6., 15., 25., 28. Februar, 14., 28. März 2026, Schauspielhaus Linz - Studiobühne, www.landestheater-linz.at)
Zusammenfassung
- Die Uraufführung von Lisa Wentz' Drama "Verräter" am Linzer Landestheater zeigt am Sonntagabend die Mechanismen und Folgen von Homophobie in einer abgeschotteten Institution und wurde vom Publikum mit langem Applaus und Bravorufen aufgenommen.
- Im Zentrum steht die junge Josefine, die sich zu Frauen hingezogen fühlt und von ihrer Mutter sowie einem Pfarrer mit Hilfe eines Tagebuchs unter Druck gesetzt wird, was zu ihrer zunehmenden Verzweiflung führt.
- Das 2022 fertiggestellte Stück wurde von Anna-Katharina Wurz inszeniert, mit Gemma Vannuzzi in der Hauptrolle, und ist das älteste Drama der vielfach ausgezeichneten, 1995 geborenen Dramatikerin Lisa Wentz.
