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Verdis "Nabucco" erntete im Steinbruch viel Applaus

14. Juli 2022 · Lesedauer 4 min

Eine Auseinandersetzung biblischen Ausmaßes auf einer 7.000 Quadratmeter großen Bühne - das verspricht die Oper im Steinbruch mit "Nabucco". In der Neuinszenierung von Francisco Negrin steht der 180 Jahre alte Verdi-Stoff bereits zum vierten Mal auf dem St. Margarethener Spielplan - und war 1996 sogar die erste Oper im Steinbruch. Der Kampf zwischen Hebräern und Babyloniern überzeugte bei der Premiere am Mittwoch vor allem mit seinem herzergreifenden Abschluss.

Zum vierten Mal marschieren im burgenländischen St. Margarethen also die Babylonier mit ihrem König Nabucco - der biblische Herrscher Nebukadnezar II - in Jerusalem ein. Sie könnten den Unterdrückten in der Steinbruch-Inszenierung nicht unähnlicher sein: Auf der einen Seite stehen die zusammenhaltenden Hebräer, ihre Naturverbundenheit symbolisiert durch erdfarbene Kleider, auf der anderen Seite die arroganten, nach Herrschaft strebenden Babylonier, deren gezackte, goldene Gewänder auch einem Science-Fiction-Film entsprungen sein könnten.

Hohepriester Zaccaria (Jongmin Park), aus dessen dunklem Timbre vermeintlich Gott spricht, versucht, den Hebräern ein wenig Hoffnung zurückzugeben. Vom Volk unterscheidet er sich, wie auch Ismaele (Jinxu Xiahou), durch die eigene Stimme - denn die Hebräer sprechen durch den Philharmonia Chor Wien. Vom von Hybris getriebenen Nabucco (Lucas Meachem), seiner rachsüchtigen Tochter Abigaille (Ekaterina Sannikova) und deren Soldaten bedrängt, kommt dem Chorkollektiv, begleitet vom Piedra Festivalorchester, das charakteristischste Musikstück der Verdi-Oper zu: Eindringlich patriotisch ruft der Gefangenenchor Gott um Hilfe an.

Mit rund 0,7 Hektar nimmt die Bühne gigantische Ausmaße an, was viel Raum zur Gestaltung gibt, das Textverständnis aber zur Aufgabe macht - zu weit entfernt ist die am Rande mitlaufende deutsche Übersetzung vom Geschehen. Ein seitlich angebrachter Bildschirm wirkt angesichts der Steinbruchwand und ausufernden Bühne deutlich zu klein. Die Übertragungen darauf changieren zwischen Livenahaufnahmen, digitaler Kunst und Porträts der Herrschenden im Pokerkartenformat, wobei vor allem Letztere eine irritierend satirische Note vermitteln.

In der Bühnengestaltung ließ man sich vom Steinbruch und gängigen Altertumsvorstellungen inspirieren. Thanassis Demiris hat ein kleines hebräisches Dorf entstehen lassen. Steinerne Häuser, goldene Tempel und eine lichterbesetzte Nachbildung der Steinbruchfelslandschaft gibt es da zu sehen. Nach dem Prinzip der größtmöglichen Nutzung können sich die Soldaten Nabuccos auf diagonalen Wegen auch auf vertikaler Ebene bewegen.

Diese Diagonalen sind auch der Weg, dem der Blitz folgt, der Nabucco den Verstand rauben und schließlich Erleuchtung bringen wird. Mit lautem Donner fährt das nicht nur metaphorische Licht in den babylonischen König ein, woraufhin sich so mancher aufgeschreckte Zuseher zunächst einmal ans Herz fasste. Von schlauer Zurückhaltung zeugt, dass sich Effekte wie dieser oder die sich schön in die Kulisse einfügende Pflanzenprojektion, die die berühmten hängenden Gärten von Babylon symbolisiert, rar machen.

Berührender als die Verwandlung, die Nabucco und seine Tochter Fenena (Monika Bohinec) durchmachen, indem sie sich dem Gott der Hebräer zuwenden, ist die der Abigaille, die für einen strahlenden Abschluss sorgt. Will sie sich zunächst über ihren vermeintlichen Vater hinweg- und auf den Thron setzen, so findet auch sie im Wechsel zwischen zartem Wehklagen und herzergreifender Erkenntnis zum Glauben. Im Unterschied zum Original lässt Negrin sie ihr Leben bis zum Ende behalten.

Nachdem sich alles zum Guten gewendet hat, verabschiedete sich ein zufriedenes Publikum in die Nacht. Beim gedrängten Verlassen des Geländes wurde durch Plakate bereits sanft darauf hingewiesen, was im nächsten Jahr hier zu erleben ist - nämlich George Bizets "Carmen".

(S E R V I C E - "Nabucco" von Giuseppe Verdi in einer Inszenierung von Francisco Negrin bei der Oper im Steinbruch, St. Margarethen. Musikalische Leitung: Alvise Casellati, Bühne: Thanassis Demiris, Kostüme: Pepe Corzo, Chorleitung: Walter Zeh, Orchester: Piedra Festivalorchester, Chor: Philharmonia Chor Wien, Mit: Lucas Meachem, Jinxu Xiahou, Jongmin Park, Ekaterina Sannikova, Monika Bohinec, Ivan Zinoviev, David Jagodic und Amélie Hois. Weiter Termine bis 14. August. www.operimsteinbruch.at)

Quelle: Agenturen