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Universalkünstler André Heller feiert 75. Geburtstag

22. März 2022 · Lesedauer 7 min

Für seinen Biografen Christian Seiler ist er ein "Poet der vielen Disziplinen". André Heller beschäftigt sich mit Lied- und Gartenkunst, Zirkus und Pyrotechnik, ist Autor und Moderator, Film- und Opernregisseur, Kunstsammler und Impresario, vor allem aber unermüdlicher Ideen-Entwickler und Menschen-Verbinder. Er kann wie ein Märchenonkel reden, baut aber keineswegs Luftschlösser. Weltweit vernetzt, ist er auch in der Umsetzung ein wahrer Zauberer. Heute, Dienstag, wird er 75.

Zuletzt war der in Wien und in der Nähe von Marrakesch lebende Universalkünstler als Gastgeber von "Hauskonzerten" auf den Fernseh-Bildschirmen präsent, zuletzt betreute er die Wiederaufnahme seiner "Rosenkavalier"-Produktion, die im Februar 2020 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden gerade noch Premiere hatte, ehe alle Folgevorstellungen für das Livepublikum dem Lockdown zum Opfer fielen. Am heutigen Geburtstagsabend bietet ORF III eine André-Heller-Nacht, die mit sechs Sendungen von 20.15 Uhr bis ins Morgengrauen reicht.

Geboren wurde Franz André Heller am 22. März 1947 als Sprössling einer Zuckerbäckerfamilie, die mit Zuckerln zu Vermögen kam, in Wien. Seine Kindheit zwischen unnahbarem Vater, Erziehung im Klosterinternat und Emanzipation zur Fantasie verarbeitete er 2008 in der Erzählung "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein", aus der Rupert Henning 2019 einen Kinofilm machte. Heller begann seine künstlerische Laufbahn 1964 als Autor von Prosa, Lyrik und Liedern sowie ab 1965 als Schauspieler an Wiener Avantgarde-Bühnen. Er war Gründungsmitglied des Radiosenders Ö3 und betätigte sich als Autor für TV-Sendungen wie die legendäre Show "Wünsch dir was".

1968 kam die erste Platte Hellers heraus, der bis 1983 über ein Dutzend weiterer folgen sollte. Bereits 1972 veröffentlichte Heller, der 1970-84 mit der Schauspielerin Erika Pluhar verheiratet war, mit dem Fernsehfilm "Wer war Andre Heller?" einen "Nachruf zu Lebzeiten", der bestenfalls eine erste Zwischenbilanz darstellte. Denn nach dem Festwochen-Stück "King-Kong-King-Mayer-Mayer-Ling" (dem 1993 am Burgtheater das Stück "Sein und Schein" folgte) begann Hellers Showkarriere erst so richtig: 1976 gründete er gemeinsam mit Bernhard Paul den "Circus Roncalli". Die Uraufführung dieses "poetischen Spektakels" fand in Bonn statt, nach Differenzen mit Paul zog sich Heller allerdings noch im Gründungsjahr von dem Unternehmen zurück. 1981 verwirklichte er im Rahmen der Wiener Festwochen den zweiten Teil seiner "Trilogie der möglichen Wunder" in Form des "poetischen Varietés Flic Flac", mit dem er anschließend auf Europatournee ging.

Wunder wurden es allerdings noch viel mehr. Mit dem "Theater des Feuers" brachte er 1983 in Lissabon ein Millionenpublikum auf die Beine und sich selbst an den Rand des Ruins. Es folgten "Begnadete Körper", "Luna Luna" oder "Body and Soul", "Jagmandir, das exzentrische Privattheater des Maharana von Udaipur" oder die 50 Meter hohe Skulptur "Bamboo Man" im Hafen von Hongkong. Er sammelte "Stimmen Gottes" und Feuerkunst, Zigeunerkultur und Parkanlagen. Weder die Fantasie noch die Geografie scheinen Hellers Projekten Grenzen zu setzen, stets werden alle Sinne angesprochen, wirken Poesie und Exotik, Varieté- und Jahrmarkt-Stimmung zusammen, werden verborgene oder vergessene Künste und die Macht des Staunens zusammengeführt.

1995 baute er im Auftrag des Tiroler Kristallherstellers Swarovski in Wattens Wunderkammern: Die märchenhaften und 2003 und 2015 erweiterten sowie 2017 teilweise neugestalteten "Kristallwelten" wurden mit bis zu 720.000 jährlichen Besuchern einer der größten kommerziellen Erfolge Hellers. Mit dem Auftrag für die Inszenierung der finalen Präsentation Deutschlands als Bewerber für die Fußballweltmeisterschaft 2006 sowie die spätere Verantwortung für das Kulturprogramm der Fußball-WM erreichte Heller endgültig ein Millionenpublikum. Die geplante große Eröffnungsshow wurde allerdings kurzfristig abgesagt.

"Eine neue Dimension" des Erfolgs erklomm Heller mit "Afrika! Afrika!": das "magische Zirkusereignis vom Kontinent des Staunens" aus 2005 wurde zum erfolgreichsten Zirkustheater Europas und mehrfach erneuert und wieder aufgenommen. Weniger glücklich verlief Hellers Pferdeshow "Magnifico", deren Produktionsfirma wegen zu hoher Produktionskosten und zu geringem Publikumsinteresse schon nach kurzer Zeit Insolvenz anmelden musste.

Mit Missgriffen lernte Heller umzugehen. Seine zum 65er erstmals erschienene Biografie "Feuerkopf" erzählt von Medikamentenabhängigkeit, von tiefen gesundheitlichen Krisen und vom immer wieder neuen Aufrappeln - oft mit einem neuen künstlerischen Medium. Denn Heller war auch als Film- (etwa "Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin", gemeinsam mit Othmar Schmiderer, oder "Scheitern, scheitern, besser scheitern!") und Opernregisseur ("Erwartung / La Voix Humaine" mit Jessye Norman im Pariser Theatre du Chatelet) tätig und suchte oft Zuflucht im Schreiben.

Sein mit 100.000 verkauften Exemplaren zum Bestseller avancierter Roman "Das Buch vom Süden", dessen Protagonist Julian Passauer nicht wenige Merkmale mit seinem Autor teilt, gab Einblicke in die inneren Kämpfe eines Unangepassten, der stets von großem materiellen wie kreativem Reichtum umgeben war, ohne damit jemals zufrieden sein zu können.

Die Liste seiner danach veröffentlichten Publikationen ist umfangreich und bunt: 2017 veröffentlichte er "Uhren gibt es nicht mehr. Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr" (Elisabeth Heller starb im Jahr darauf kurz vor ihrem 104. Geburtstag), 2018 gemeinsam mit Kulturjournalistin Andrea Schurian und Lebensgefährtin Albina Bauer den Bildband "Anima. Der Zaubergarten in Marrakesch" über seinen 2016 am Fuße des Hohen Atlas eröffneten marokkanischen Paradiesgarten. 2019 initiierte er ein Buch über die drei Häuser Thomas Bernhards und deren Inventar ("Thomas Bernhard. Hab & Gut."), 2020 kam mit "Zum Weinen schön, zum Lachen bitter" ein Band mit "Erzählungen aus vielen Jahren" heraus. 2021 legte er mit "Tullios Geburtstag", illustriert von Maité Kalita und Esther Martens, ein Kinderbuch vor, das in der Corona-Pandemie "eine Trostgeschichte im Wirrwarr unserer Zeit" bieten wollte.

Neben seinen Gartenprojekten (auch sein mittlerweile veräußerter Garten am Gardasee wurde legendär) beschäftigte André Heller, der auch Gastgeber von Talksendungen wie der ORF-III-Gesprächsreihe "André Hellers Menschenkinder" ist, in den vergangenen Jahren wieder vermehrt die Musik. 2019 (und damit nach 33 Jahren Pause) erschien sein Album "Spätes Leuchten" mit 16 neuen Liedern. Ein wesentlicher Antrieb sei sein Sohn Ferdinand Sarnitz alias Leftboy gewesen, sagte er damals. Ihn, der "immerzu mein wesentlichster Verbündeter" war, habe er bei Konzerten beobachtet: "Das hat schon was".

Im Lockdown entwickelte Heller für den ORF das Konzept von "Hauskonzerten" und widmete sich mit Sopranistin Camilla Nylund dem "Great American Songbook", im Jänner dieses Jahres performte er in seiner Wohnung ein Best-of seiner Werke. Dabei versammelte er Gäste wie Ernst Molden, Voodoo Jürgens, Ursula Strauss oder auch den Nino aus Wien um sich. 2020 wurde er mit dem Amadeus Award für das Lebenswerk geehrt. Die goldene Trophäe wurde Heller von Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei einem gemeinsamen Besuch im Cafe Hawelka überreicht.

Van der Bellen hatte er im Präsidentschaftswahlkampf unterstützt - ein für den politischen Kopf und überzeugten Humanisten André Heller wohl eine Selbstverständlichkeit. Denn der Künstler ist nicht ohne den Aktivisten denkbar. Die österreichische Zivilgesellschaft hat in ihm einen wesentlichen Protagonisten. So war er 2015 Mitbegründer von Act.Now, einer Initiative, die sich für wertschätzendes Zusammenleben in Zeiten von Migration und Globalisierung einsetzt. Aber auch, als es 2018 galt, das Urania Puppentheater vor der Schließung zu bewahren, war er mit Geld und Namen zur Stelle.

Den einen gilt er als eingebildeter Selbstdarsteller, den anderen als herzensgebildeter Advokat des Guten und Schönen. Die Rollen des André Heller sind ebenso zahlreich wie seine Selbst- und Fremdbilder. Doch noch immer gilt wohl etwas, was er einmal über sich als Kind gesagt hat: "Ich bin, empfand ich damals, zutiefst nicht der, für den ich gehalten werde."

Quelle: Agenturen