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"Ukrainomania" leuchtet im Volkstheater Leerstellen aus

Heute, 10:17 · Lesedauer 5 min

1920 schrieb Joseph Roth in der "Neuen Berliner Zeitung": "Manchmal wird eine Nation modern. Nun sind es die Ukrainer." Sobald ein Land seine Selbstständigkeit verliert, herrsche es in den Operetten und Varietés. Mehr als 100 Jahre später trägt der deutsche Regisseur Jan-Christoph Gockel am Volkstheater dem seit dem russischen Angriffskrieg entflammten theatralen Interesse Rechnung: Am Donnerstag feierte mit "Ukrainomania" seine gegen den Strich gebürstete "Revue" Premiere.

Herausgekommen ist eine kurzweilige, zwischen bitterem Ernst und leichtfüßigem Klamauk oszillierende Suche nach den Verbindungslinien zwischen dem 1894 im ostgalizischen Brody geborenen österreichischen Autor und der heutigen Lebenswelt in Zeiten von Krieg und Exil, ein dokumentarisch aufbereitetes Making-of und eine Selbstbefragung des Theaters in Zeiten des Kriegsvoyeurismus gleichermaßen. Das ist ganz schön viel für einen einzigen Theaterabend, aber wer Gockels jüngst zum Berliner Theatertreffen eingeladene, siebenstündige Inszenierung von Schillers "Wallenstein" an den Münchner Kammerspielen gesehen hat, der weiß: Es hätte durchaus noch überfordernder werden können.

Aber zurück zum Anfang: Was wäre eine kollektive Manie ohne deren Sicht- und Hörbarmachung? Und so steht am Beginn des zweistündigen, pausenlosen Abends gleich mal eine Publikumsaktivierung: Die Schauspielerin Solomiya Kyrylova aus dem koproduzierenden Nationaltheater Lviv tritt vor den Vorhang: "Guten Abend, alle Ukrainer!", ruft sie auf Ukrainisch ins Publikum und holt sich den Applaus ihrer Landsleute ab. Und dann: "Servus, Wiener!" Gemeinsam mit der Live-Illustratorin Sofiia Melnyk, die die Schauspielerin auf die Bühne gebeten hat, um zu übersetzen, wendet sie sich weiter direkt ans Publikum: "Man spürt die Ukrainomanie in diesem Raum." Ausnahmsweise seien Fotos und Videos erlaubt, aber man möge sie auf Instagram doch bitte taggen, es gehe um Sichtbarkeit. Denn: "Der Krieg in der Ukraine ist wahrscheinlich der am besten dokumentierte Krieg aller Zeiten." Mehr bittere Selbstironie geht kaum.

Nach einer kurzen Einführung in den Alltag im Krieg (Kühlschränke werden zu Tresoren für wichtige Dokumente, die Luftalarm-App spricht mit der Stimme Luke Skywalkers) geht es dann wirklich los. Und zwar mit Joseph Roths Ende im Jahr 1939. Denn wer war dieser Joseph Roth, der in der heutigen Ukraine geboren wurde, seine literarische und journalistische Wirkmacht in Wien entfaltete und schließlich im französischen Exil starb? Darüber waren sich auch die Trauergäste an seinem Pariser Grab uneins. Und so stehen Stefan Suske als Roths jüdischer Freund Soma Morgenstern, Nancy Mensah-Offei als Roths Lebensgefährtin Andrea Manga Bell und Alicia Neumüller als Roths Ehefrau Friedl rund um das offene Grab und streiten sich, ob Roth nun Jude oder Katholik, Sozialist oder Monarchist war. Eine Szene als Sinnbild für die verschlungenen Lebenswege eines rastlosen Menschen, der immer wieder aus seiner Heimat flüchten musste und doch nirgendwo wirklich ankam.

Ideologische Grabenkämpfe am offenen Grab

Aus dem Grab steigt schließlich genervt Bernardo Arias Porras, der anschließend immer wieder in die Rolle des zutiefst melancholischen Autors schlüpfen wird, um die wenigen Roth-Originaltexte dieses Abends zum Besten zu geben. In wechselnden Rollen geben Kyrylova, die eine herrliche Mischung aus Ukrainisch, Englisch und einigen Brocken Deutsch spricht, und Samouil Stoyanov, der sich mit ihr aus einem kruden Mischmasch aus Bulgarisch, Wienerisch und Englisch unterhält, höchst komödiantische Einlagen, in der sie sich zur Live-Musik von Jacob Suske redlich Mühe geben, dem Untertitel "Revue eines Lebens" seine Berechtigung zu verleihen.

Doch wer dieser Joseph Roth nun wirklich war, bleibt auch nach dem Begräbnis unklar und so macht sich das Volkstheater-Ensemble (per Videoeinspielung dokumentiert) per Nachtzug auf den Weg nach Lviv, wo das dortige Ensemble ebenfalls mit Gockel an einer "Ukrainomania"-Version probt. Szenen der Begegnung zwischen den Schauspielern werden mit Szenen aus einer Stadtführung verschnitten, in deren Rahmen man auf der Spurensuche nach Joseph Roth schließlich im Kaffeehaus landet, wo Bernardo Arias Porras als Roth seinen Übersetzer interviewt und erfahren muss, dass sich 100 Jahre später Stefan Zweig bei den Verkaufszahlen durchgesetzt hat.

Stromausfall im gleißenden Licht

Während man in weiteren, diesmal auf der Bühne in Wien gespielten Kaffeehausszenen, so einiges über Roths Beziehung zu Frauen und sein Trinkverhalten erfährt, fährt auch immer wieder die Kriegsrealität in der Ukraine dazwischen - etwa durch Stromausfälle. Um einen solchen in Wien zu simulieren, wird es schließlich nicht dunkel, sondern ganz hell. Denn, so erläutert Kyrylova: "Wir wollen euch eigentlich zeigen, wie sich so ein Blackout anfühlt in der Ukraine. Aber wir sind im Theater und wenn hier die Lichter ausgehen, denken alle, es ist das Ende der Vorstellung und alle beginnen zu klatschen." Es sind diese kleinen, sarkastischen Setzungen, die das an diesem Abend oft in den Mund gelegte Lachen ersterben lassen. So wechseln sich Szenen, in denen Stoyanov sich etwa zu einer Coverversion von Rihannas "Bitch Better Have My Money" im Twerking übt, mit Diskussionen, ab wie vielen Toten es sich um ein Massengrab handelt, erschreckend übergangslos ab.

Wer sich eine Exegese des Roth'schen Oeuvres erwartet oder gerade gehofft hat, dass das Ensemble auf seiner Spurensuche in Lviv tatsächlich den Gesuchten gefunden hat, wird hier enttäuscht werden. "Ukrainomania" ist eine rasante Ausleuchtung der Leerstellen, die Krieg und Vertreibung in den Menschen hinterlassen. Und ein Schlaglicht auf die Mechanismen, wie Menschen versuchen, diese Leerstellen mit Sinn zu füllen. Um weiterzumachen. Denn aufgeben, das macht diese Koproduktion deutlich, ist keine Option.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Ukrainomania. Revue eines Lebens" nach Joseph Roth in einer Fassung von Jan-Christoph Gockel, Claus Philipp und Ensemble. Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne und Kostüm: Julia Kurzweg, Musik: Jacob Suske. Mit Bernardo Arias Porras, Alicia Aumüller, Solomiya Kyrylova, Nancy Mensah-Offei, Samouil Stoyanov und Stefan Suske. Weitere Termine: 19. und 29. Jänner sowie am 13. Februar. www.volkstheater.at)

Zusammenfassung
  • Im Wiener Volkstheater feierte am Donnerstag die Revue "Ukrainomania" von Jan-Christoph Gockel Premiere und thematisiert auf satirische Weise Krieg, Exil und Identität.
  • Das zweistündige Stück ohne Pause verbindet dokumentarische, sarkastische und komödiantische Elemente und bezieht das Publikum aktiv mit ein.
  • Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit dem 1894 in Brody geborenen österreichischen Autor Joseph Roth und dessen komplexer Identität.
  • Die Produktion ist eine Koproduktion mit dem Nationaltheater Lviv und beleuchtet anhand von Szenenwechseln zwischen Wien und Lviv die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf das heutige Leben.
  • Weitere Vorstellungen finden am 19. und 29. Jänner sowie am 13. Februar statt.