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Tranceerfolg der Wiener Festwochen: Opernklassiker von Glass

11. Juni 2022 · Lesedauer 4 min

Wenn einem Kunstwerk das gelingt, was viele anstreben, aber nur wenigen glückt, sind dann die Details von Relevanz? Vermutlich gerade dann. Und so lohnt der Blick auf den Avantgardeopernklassiker "Einstein on the Beach", der am Freitagabend bei den Wiener Festwochen zum Tranceakt, zum Kunstritual der Sonderklasse avancierte. Die deutsche Regisseurin Susanne Kennedy kreiert ein immersives Kunstwerk mit Ecken und Kanten, das eine eigene Welt erschafft.

Dabei ist die Ausgangslage für eine Theatermacherin im Falle von "Einstein on the Beach" eine denkbar komplexe. Schließlich schufen der Komponist Philip Glass und der Regisseur Robert Wilson 1976 in Avignon ein Werk, das in der Originalproduktion heute als Klassiker der Opernliteratur des 20. Jahrhunderts gilt. Die Arbeit ist nicht narrativ, sondern assoziativ, basiert überwiegend auf Texten von Christopher Knowles, wie Wilson Autist, der frei über Einstein assoziierte. Sprachfetzen, Tonsilben, Repetitionen schufen einen der Grundsteine der Minimal Music und sind doch bis heute ein ungewohnter Monolith im weiten Feld des Musiktheaters, der nur selten neu interpretiert wird.

Bei den Festwochen ist nun eine Produktion aus Basel zu sehen, die nach Wien zu den Berliner Festspielen weiterwandert. Hierbei schaffen die Theatererneuerin Susanne Kennedy und der bildende Künstler Markus Selg, die erstmals eine Oper inszenieren, eher eine mobile Installation denn eine Inszenierung, kreieren mehr ein Ritual denn Theater - und gehen dabei mit dem Rhythmus des Werks, arbeiten nicht gegen diesen an.

Weder spielt - wie schon bei der Urinszenierung - der Beach eine Rolle, noch nennenswert Einstein. Einzig in der Feststellung, dass Zeit und Raum relativ sind an diesem dreieinhalbstündigen Abend, treffen sich Einstein und Glass. "Einstein on the Beach" ist ein Monument der Entpersonalisierung, in der sich das Ich ebenso auflöst wie Mensch und Technik verschmelzen. Dafür hat Markus Selg ein Sci-Fi-Ambiente mit bröckelndem Portal in eine andere Welt samt altägyptisch stilisiertem Tempel geschaffen, getaucht in poppige Neonfarben. Die permanent in Aktion befindliche Drehbühne fungiert als Perpetuum mobile wie Glass' Musik, während die Performer mit portablen Lampen ausgestattet sind, die ihr Gesicht erhellen, wenn sie sich im enormen Raum der Halle E des Museumsquartiers bewegen.

Und doch ist dieser Abend immersiv gedacht, was angenommen wird. Von Beginn weg tummeln sich überraschend viele Besucher auf der Bühne, die letztlich Teil des Geschehens werden - ein Sog, der sich über den Abend hinweg zusehends verstärkt. Alsbald sind mehr Menschen auf als vor der Bühne, werden entrückt. Das Niederreißen der Barriere zwischen Akteuren und Betrachtern, hier gelingt es. Wenn einer der Performer mit einer lebenden Ziege an der Leine den Ort des Rituals betrifft, fürchtet man innerlich um das Leben der Geiß - zu sehr ist der Abend bereits im archaischen Vollziehen der Handlung verankert anstatt im Darstellen eines konventionellen Theaterabends.

Dazu trägt nicht zuletzt die ins Extreme getriebene Musik des jungen Philip Glass bei, die noch vor der Sinnlichkeit und Spiritualität entstand, die erst im weiteren Œuvre mit der Hinwendung zum Buddhismus und der Musik Indiens und Afrikas Bedeutung erlangte. Wiederholungen auf einem fixen Rhythmusgerüst dominieren, während Knee-Plays, also musikalische Verbindungsstücke, als Phasen des Durchatmens fungieren. Die junge niederländische Violinistin Diamanda La Berge Dramm ist dabei der unbestrittene Angelpunkt dieses Tranceabends, die mit ihren Soli ungewohnten Szenenapplaus einheimste.

Dass es in diesem Musikritual auch kleinere Schwachstellen gibt, sei verziehen. So hapert es vor allem anfangs an der Genauigkeit, manch Einsatz wird verschludert, obgleich gerade Glass' frühe Musik der beinahe maschinellen Präzision eines Uhrwerks bedarf, um ihre Wirkung zu entfalten. Darüber hinaus hält sich der deutsche Dirigent André de Ridder zurück, die Dynamiken des Stücks in die Enden des Spektrums zu treiben, obgleich der Dirigent sich bei Glass nicht dem Fluss ergeben darf, sondern diesen gestalten muss. Und die von Markus Selg mitgestalteten Videoprojektionen, die auf alle möglichen Flächen der Bühne geworfen werden, erinnern in den schlechten Momenten an Bildschirmschoner aus den frühen 90ern und verleihen dem Geschehen streckenweise eine störende Retroanmutung.

Aber geschenkt. Dieser Abend funktioniert in Summe. "Kann das jemand erklären?", wird an einer Stelle im Libretto gefragt. Nein, lautet wohl die prosaische Antwort. Ein Ritual behält schließlich immer etwas Geheimnisvolles, wenn es seine Macht wirklich entfalten will.

(S E R V I C E - "Einstein on the Beach" von Philip Glass im Rahmen der Wiener Festwochen in der Halle E, Museumsplatz 1, 1070 Wien. Musikalische Leitung des Ensemble Phoenix Basel: André de Ridder, Regie: Susanne Kennedy, Bühne: Markus Selg. Mit Suzan Boogaerdt, Tommy Cattin, Ixchel Mendoza Hernández , Tarren Johnson, Dominic Santia, Frank Willens, Diamanda Dramm (Solovioline), Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Emily Dilewski (Sopran), Sonja Koppelhuber, Nadia Catania (Alt). Weitere Aufführung am heutigen 11. September. www.festwochen.at/einstein-on-the-beach)

Quelle: Agenturen