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Toxische Beziehung: Sofi Oksanens Roman "Baby Jane"

Sofi Oksanen ist eine der wichtigsten und kompromisslosesten literarischen Stimmen Nordeuropas. Mit "Fegefeuer", "Stalins Kühe" und "Als die Tauben verschwanden" legte sie eine auch hierzulande beachtete Trilogie zur Kriegs- und Nachkriegsgeschichte Estlands vor. Ihr neuer Roman "Baby Jane" spielt in Helsinki, wo die 1977 geborene Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters lebt. Es ist eine weibliche Beziehungsgeschichte, feministisch und toxisch zugleich.

Die Trägerin des Nordischen Literaturpreises, die sich im Sommer mit einem Dialog zwischen einer Essensbotin und einem für diverse Netz-Hass-Botschaften eingesetzten "Trollsoldaten" an der "Reigen"-Neuschreibung der Salzburger Festspiele beteiligt hatte, lässt ihre Ich-Erzählerin von einer Beziehung berichten, die himmelhoch jauchzend beginnt und zu Tode betrübt endet. Ihre große Liebe heißt Piki.

"Piki war eindeutig die coolste Lesbe der Stadt, als ich als junges Mädchen nach Helsinki kam und in puncto Frauen noch völlig unerfahren war", beginnt das Buch. "Sie kannte alle, und alle kannten sie. Vor mir hatte sie mit fünfundfünfzig Frauen geschlafen und Autos geklaut und mit Speed gedealt. Sie hatte Tattoos und Piercings, und sie hörte Black Parade und Lords of the New Church." Allmählich stellt sich heraus: Die strahlende Piki ist in ihren Beziehungen eigentlich ein rechter Macho - und sie hat gravierende psychische Probleme.

Piki bekommt immer wieder Panikstörungen. Was als nächtliches High Life in den coolsten Clubs Helsinkis beginnt, endet in der Unfähigkeit, ein einigermaßen normales Alltagsleben zu führen. Die Einkäufe und die Wäsche erledigt Pikis Exfreundin Bossa, keine beziehungsfördernde Konstellation. In einem Streit ist plötzlich ein Messer im Spiel. Der genaue Tathergang bleibt im Dunkeln, denn auch die Erzählerin hat immer wieder Blackouts. Blut fließt, Sehnen werden durchtrennt. Und auch das ebenso schmuddelige wie lukrative Heimarbeits-Geschäftsmodell der beiden, der Internet-Versand gebrauchter Unterwäsche, muss neu organisiert werden.

"Was geschah wirklich mit Baby Jane?" fragte Robert Aldrich 1962 in seinem Psychothriller über einen verrückt werdenden ehemaligen Kinderstar und seine Schwester. Auch Sofi Oksanens "Baby Jane" geht unter die Haut. Verzweiflung, Gewalt und Zuneigung mischen sich mit sozialen und psychischen Grenzsituationen zu einem tödlichen Cocktail.

Die einst so strahlende Piki ist am Ende nur noch ein Wrack und bittet um Sterbehilfe. Doch der Plan, mit einer Kombination aus Vergiftung und Erstickung aus dem Leben zu scheiden, geht schief. Die Polizei stellt als Todesursache einen Schlag auf den Kopf fest. Die Erzählerin kann sich an nichts erinnern - und muss doch die Konsequenzen tragen. "Jetzt bin auch ich im Gefängnis. Es ist etwas anders als deins, aber doch ein Gefängnis. Vielleicht verstehe ich bald alles. Vielleicht komme ich dir näher als jemals zuvor."

(S E R V I C E - Sofi Oksanen: "Baby Jane", Übersetzt von Angela Plöger, Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 22,70 Euro)

ribbon Zusammenfassung
  • Sofi Oksanen ist eine der wichtigsten und kompromisslosesten literarischen Stimmen Nordeuropas.
  • Mit "Fegefeuer", "Stalins Kühe" und "Als die Tauben verschwanden" legte sie eine auch hierzulande beachtete Trilogie zur Kriegs- und Nachkriegsgeschichte Estlands vor.
  • Ihr neuer Roman "Baby Jane" spielt in Helsinki, wo die 1977 geborene Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters lebt.
  • Piki bekommt immer wieder Panikstörungen.