APA - Austria Presse Agentur

Tiger-Woods-Doku auf Sky: Skandale und Welterfolg

27. März 2021 · Lesedauer 3 min

Amerikaner lieben ihre Helden moralisch sauber und fast unmenschlich perfekt. Sie lieben es auch, wenn ihre Helden auferstehen, nachdem sie gefallen sind. Der Profigolfer Tiger Woods ist zweifellos ein solcher Held. Die neue zweiteilige Doku "Tiger" malt eine fast Shakespeare-artige Geschichte darüber, wie er zu dem Mann wurde, den wir zu kennen glauben. Ab Montag zeigt Sky beide Teile von "Tiger" in deutscher Erstausstrahlung.

In der ersten Szene sehen wir Tiger Woods' Vater Earl, der eine leidenschaftliche Rede hält, nachdem sein 20-jähriger Sohn 1996 zum besten Golfer an der Stanford University gekürt wird. Während Earl weint, weil er so überwältigt ist von den Erfolgen seines Sohnes, und erklärt, dass die Welt aufgrund seiner Existenz "ein besserer Ort" sein wird, zeigt der Dokumentarfilm, wie Woods im Sommer 2017 in ein Gefängnis in Florida geht, nachdem er wegen Einfluss von Drogen am Steuer verhaftet wurde.

Das Fahndungsfoto, das die Behörden in dieser Nacht von Woods gemacht haben, wurde weltberühmt. Einige nannten es "schrecklich", andere nannten es "erbärmlich". Er sah müde aus. Zu müde, um die Augenlider offen zu halten. Sieht so ein amerikanischer Held aus?

Das ist im Grunde die Frage im Kern dieser Dokumentation von Matthew Heineman und Matthew Hamachek, und die Regisseure kommen zu dem Schluss, dass Helden auch nur fehlerhafte Menschen sind, auf die wir, ob Eltern oder Fans, unsere Hoffnungen und Träume projizieren. Der erste Teil ihres dreistündigen Films konzentriert sich auf den Sportler und die komplizierte Beziehung zu seinem Vater. Earl Woods sah in seinem Sohn nicht nur ein Golfwunderkind, er wollte ihn als Botschafter der Hoffnung und des Friedens wie Mahatma Gandhi oder - am absurdesten - Jesus Christus vermarkten.

Wir hören von seiner ersten High-School-Freundin Dina Gravell, die Woods das Leben weit weg vom Golfplatz zeigte. Wir bekommen einen Blick auf die Reaktion der Medien über einen schwarzen Mann, den Sohn eines Afroamerikaners und einer Thailänderin, in einem Sport, der nur von reichen, weißen Menschen gespielt wurde. Ähnlich wie im Fall von Michael Jordan war die schwarze Community in den USA stolz, ihn für sich zu beanspruchen, aber Tiger Woods, so die Doku, wollte kein Leuchtfeuer für irgendjemanden sein, sondern einfach nur gut Golf spielen.

Es ist ein interessanter Blick auf Woods Erziehung und wie er die Spitze des Berges erreicht, wie er der Beste in seinem Sport wird, als er 1997 das US-Masters mit sagenhaften zwölf Schlägen Vorsprung gewinnt. Der zweite Teil konzentriert sich darauf, wie Woods dann wegen Sexskandalen, Drogen und Sportverletzungen diesen Berg hinunterfällt - und sich wieder aufrappelt.

Es gibt viele Archivinterviews, Heimvideos aus seiner Kindheit und Rückblenden von seinen Triumphen auf dem Golfplatz sowie unrühmlicheren Momenten, wie die eingangs erwähnte Verhaftung. Aber im Gegensatz zu Michael Jordan, der stundenlang Interviews für seine Dokumentation "The Last Dance" gegeben hat und stark die Kontrolle darüber hatte, was durchsickert und was nicht, war Woods nicht an diesem Film beteiligt.

Seine Geschichte wird hauptsächlich von den Menschen erzählt, die sich auf den Höhen seines Ruhms um ihn herum befanden: Freunde, Rivalen, Journalisten, sein ehemaliger Caddy, Liebhaberinnen, sogar seine Kindergärtnerin und insbesondere Rachel Uchitel, die Frau im Zentrum des Sexskandals, der Woods' Privatleben im Jahr 2009 auf den Kopf gestellt und seine Ehe mit Elin Nordegren zerstört hat.

Und obwohl es schwierig ist, einen Dokumentarfilm zu drehen, ohne dass die Person, um die es geht, ihren Beitrag leistet, umgeht "Tiger" diesen Fallstrick irgendwie. Es bietet dem Superstar eine menschlichere Seite, als er sie vielleicht selbst hätte bieten können und zollt den Leistungen des Sportlers höchsten Respekt.

Ein Freund der Familie, Pete McDaniel, fasst es am Ende der Doku ganz gut zusammen, nachdem Tiger sein großes Comeback feiert und seine 15. große Meisterschaft bei den US-Masters 2019 gewinnt: "Er ist ein Mensch", sagt McDaniel. "Das Problem ist, wir haben ihn immer zu mehr gemacht als er ist."

Quelle: Agenturen