APA - Austria Presse Agentur

Thomas Bernhards Werk ist auch zum 90er des Autors aktuell

02. Feb 2021 · Lesedauer 3 min

"Weltliteratur, die ein Millionenpublikum erreicht" - das ist nach Ansicht der Literaturwissenschafterin Juliane Werner das Werk von Thomas Bernhard, dessen Geburtstag sich am 9. Februar zum 90. Mal jährt. 32 Jahre nach dem Tod des Autors sei dessen Schaffen in rund 50 Sprachen übersetzt und die Beschäftigung vor allem mit seiner Prosa weiter ungebrochen. "In manchen Sprachen gibt es sogar schon Neuübersetzungen", so Werner zur APA.

Werner hat am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien Lehrveranstaltungen zur internationalen Bernhard-Rezeption gehalten und u.a. über "Thomas Bernhard und Jean-Paul Sartre" publiziert. Während man im Bereich der sehr umfangreichen Sekundärliteratur nur noch mit Mühe Themen fände, die nicht bereits erschöpfend bearbeitet wurden, sei die Weiterwirkung des österreichischen Autors auf ein internationales Lesepublikum ungebrochen.

Dabei sei in den romanischen Sprachen von Anfang an der Fokus auf literarästhetische Aspekte seines Schaffens groß gewesen, sagt die Wissenschafterin. "Seine Sprachneuschöpfungen funktionieren dort, im Gegensatz etwa zu den angelsächsischen Ländern, besonders gut." In Frankreich, Italien und Spanien sei Thomas Bernhards Gesamtwerk besonders schnell verfügbar gewesen. Anderswo wären eher "soziohistorische Phänomene" - Stichwort "Heldenplatz", Waldheim-Affäre und Bernhards Betonung des Weiterwirkens des Nationalsozialismus in der Gesellschaft - im Vordergrund der Rezeption gestanden. "Das ist mittlerweile etwas in den Hintergrund geraten. Dafür wird der Humor in seinem Werk immer stärker entdeckt." In Norwegen etwa sei ein deutlicher Wandel der Beurteilung seines zunächst als sehr düster empfundenen Schaffens eingetreten.

Der Roman "Holzfällen" nimmt laut Juliane Werner bei diesem Paradigmenwechsel nicht selten eine Schlüsselrolle ein. Die Dramatisierung durch den polnischen Regisseur Krystian Lupa habe es etwa bis nach China geschafft und dort eine Debatte über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft angestoßen. Auch in Japan und Vietnam sei in den vergangenen Jahren einiges in Bewegung gekommen. 2019 sei mit "Wittgensteins Neffe" in Dubai erstmals eine Bernhard-Übersetzung in arabischer Sprache herausgekommen, 2020 erschien "Alte Meister" auf Albanisch. "Hier hängt die Rezeption häufig an der Begeisterung von Einzelpersonen, die etwas in Gang setzen."

Neben der weiter ungebrochen regen Übersetzungstätigkeit ist ein weiteres globales Thomas-Bernhard-Phänomen zu beobachten: die bewusste oder unbewusste Aneignung des von ihm geprägten Stils. "Soviele Bücher, die ich aufmache, beweisen mir, wieviele Schriftsteller meine Prosa gelesen haben. Andauernd kommen lauter Enkel und mit diesen Enkeln verwandte Enkel meiner Figuren auf mich zu. Wirkung ist letztenendes etwas Furchtbares", beklagte sich Thomas Bernhard bereits 1973 in einem Brief an seinen Verleger Siegfried Unseld.

Juliane Werner kann unzählige Autorinnen und Autoren anführen, die dem Bernhard'schen Sprachsog erlegen sind - von Werner Kofler und Antonio Fian über den Salvadorianer Horacio Castellanos Moya und den Italiener Vitaliano Trevisan bis zu dem Briten Tim Parks, dem Norweger Dag Solstad und der in Wien lebenden Serbin Barbi Markovic. "Manche imitieren seinen Sprachstil, andere schreiben ganze Bernhard-Romane um. Es gibt Arten des Schreibens, bei denen man denkt: Da hat jemand aber viel Thomas Bernhard gelesen. US-Autor Jonathan Lethem sagt selbst, er müsse sich manchmal richtig gegen diesen Sog wehren."

Und wie denken Studierende in Werners Seminaren und Proseminaren heute über Thomas Bernhard? "Viele finden ihn schon lustig, aber doch vor allem bedrückend. Vor allem wird aber Thomas Bernhards Umgang mit Frauen als ein Problem gesehen. Das ist für viele der wirklich düstere Bereich in Bernhards Werk."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

Quelle: Agenturen