APA/APA / TAW/Monika und Karl Forster

"Theodora" als Kaffeehausoratorium am Theater an der Wien

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Die Wiener Kaffeehauskultur ist unbestritten eine vielschichtige gesellschaftliche Praxis. Dass sie sich damit auch als szenischer Raum für ein Barock-Oratorium über die römische Christenverfolgung anbietet, ist aber durchaus weit ausgeholt. Stefan Herheim hat am Donnerstag Georg Friedrich Händels "Theodora" an seinem Theater an der Wien - im Ausweichquartier Halle E - herausgebracht: Märtyrer mit Kellnerschürze, der Despot als Herr Ober, religiöse Ekstase im Kuchenrausch.

Mit dem Libretto und seiner Abfolge ist Intendant Herheim freimütig umgegangen, die Text-Bild-Schere bleibt trotzdem. Die tugendhafte christliche Jungfrau Theodora (Jacquelyn Wagner), der römische Soldat Didymus (Christopher Lowrey), der sich in sie verliebt hat und dabei bekehrt wird, sowie ihre Kollegen Septimius (David Portillo) und Irene (Julie Boulianne) sind hilfloses Kaffeehaus-Personal, Statthalter Valens (Evan Hughes) ihr bösartiger Chef, der Arnold Schoenberg Chor fungiert als aufgetakelte Gästeschar. Keiner entkommt, die Story zwischen Verfolgung, Gefängnis und Gericht spielt sich zwischen Marmorsäulen, Tassen, Stühlen und Billardtisch ab. Ein Spagat im Kopf, den man einem Publikum durchaus zumuten kann - wenn man es dabei in Form zwingender Analogien oder starker Bilder unterstützt. Beides bleibt aber aus.

Händels Oratorium ist eine Reflexion über individuelle Freiheit und seelische Überzeugungen und zugleich eine frühchristliche Passionsgeschichte mit weiblicher Hauptrolle. Im Kaffeehaustratsch gibt es dafür aber wenig Resonanz. Die Personenführung ist genau und detailreich, bleibt aber an der Oberfläche, über die Dauer von dreieinhalb Stunden wird das Café zunehmend eng (Bühne: Silke Bauer). Wenn am Ende die Säulen herabfahren und der Plafond den Gästen fast auf den Kopf stürzt, könnte man annehmen, dass der klaustrophobische Effekt Absicht war. Was das mit "Theodora" zu tun hat, bleibt aber fraglich. Die hat sich nämlich in der Zwischenzeit aus der Schürze geschält, einen Trenchcoat übergeworfen und ist hinaus auf die Herrengasse spaziert. Entlassung statt Todesstrafe: im aktuellen Gastro-Jobmarkt keine schlüssige Metapher.

Bejun Mehta, selbst gefeierter Countertenor und mit den Händels-Stoffen als Sänger bestens vertraut, schlüpft in diesem Fall in die Dirigentenrolle und leitet das La Folia Barockorchester, im Klang schlank, direkt und ohne Stoßdämpfer. Musikalische Wirkmacht entfaltet mit Christopher Lowrey vor allem ein anderer Countertenor, klar, aber verhalten geführt ist der Sopran von Jacquelyn Wagner. Barocke Musizierfreude versprüht wie üblich der Schoenberg Chor.

(S E R V I C E - "Theodora" von Georg Friedrich Händel. Regie: Stefan Herheim, Musikalische Leitung: Bejun Mehta. Mit Jacquelyn Wagner, Christopher Lowrey, David Portillo, Evan Hughes, Julie Boulianne. Weitere Termine am 21., 23., 25., 27., 29. Oktober. Theater an der Wien im Museumsquartier Halle E. www.theater-wien.at)

ribbon Zusammenfassung
  • Stefan Herheim hat am Donnerstag Georg Friedrich Händels "Theodora" an seinem Theater an der Wien - im Ausweichquartier Halle E - herausgebracht: Märtyrer mit Kellnerschürze, der Despot als Herr Ober, religiöse Ekstase im Kuchenrausch.
  • Im Kaffeehaustratsch gibt es dafür aber wenig Resonanz.
  • Was das mit "Theodora" zu tun hat, bleibt aber fraglich.
  • Mit Jacquelyn Wagner, Christopher Lowrey, David Portillo, Evan Hughes, Julie Boulianne.