Theater der Jugend erkundet erneut Törleß' Verwirrungen
Was an dem 1906 erstmals veröffentlichten Text in Zeiten von Cybermobbing und Fake News immer noch interessant ist, steht außer Frage. In einer von Cancel-Culture und Trigger-Warnungen geprägten (Theater-)Gesellschaft war allerdings der Umstand interessant, dass das Theater am Dienstag wenige Stunden vor der Premiere verlautbaren ließ, dass das Mindestalter von 13 auf 15 Jahre erhöht wurde. Kein Wunder, möchte man meinen, findet sich der Stoff doch mitnichten auf dem Lehrplan für die Unterstufe. Schließlich hat es der "Törleß" in sich. Immer noch.
Birkmeirs Fassung von 2026 basiert im Wesentlichen auf jener von damals. So hat er die Handlung auf vier Charaktere konzentriert und lässt den feingeistigen Schüler Törleß jene Qualen beobachten - und damit mittragen -, die seine Mitschüler Reiting und Beineberg dem armen Basini zuteil werden lassen. Schauplatz ist auch diesmal eine Art Dachboden im Internat (Bühne: Ulv Jakobsen), auf dem die jungen Männer ihren Trieben freien Lauf lassen. Als akustische Klammer dient neben zahlreichen weiteren Songs wie bereits im Jahr 2002 die Stones-Nummer "As Tears Go By". Und so heißt es einmal mehr "I sit and watch / As tears go by".
War es damals Max Mayer, der den passiven Törleß gab, ist es nun der 2024 für einen Nachwuchs-Nestroy nominierte Ludwig Wendelin Weißenberger, der dem Treiben seiner sadistischen Kommilitonen nicht nur zusieht, sondern die Quälereien vergeblich in sein moralisches System zu integrieren versucht. Jakob Elsenwenger gibt einen von der indischen Philosophie beseelten, aber am Ende herzlosen Beineberg, Haris Ademovic verkörpert den Labello-süchtigen Schönling Reiting. Weil ihr Schulkollege Basini (Robin Jentys) Geld geklaut hat, wird er zum Sündenbock, dem unter Androhung von Verrat der Gürtel (und mehr) zuteil wird - was in der Inszenierung jedoch nur aus dem Off akustisch realisiert und durch zahlreiche blaue Flecken am Oberkörper angedeutet wird. Doch haben die jungen Männer nicht mit seiner unterwürfigen Kooperations- und Leidensfähigkeit gerechnet, was das perfide Spiel immer mehr auf die Spitze treibt.
Nachdenken über die Ausübung von Gewalt
Während Beineberg seine Taten stets religionsphilosophisch zu begründen sucht, ist Reiting der sadistische Machtmensch. Und Törleß? Der ist in Birkmeirs Version ein geigenspielender Mitläufer, dessen im Original verhandelte Gedankenwelt hier allzu kurz kommt. Und so ist es mehr die Verwirrung einer ganzen Generation, die hier durchexerziert wird und nicht jene stark ausdifferenzierte Pubertätsexegese des heranwachsenden Törleß, die Musil einst schilderte. Nichtsdestotrotz birgt der Stoff auch - oder gerade? - für heutige Generationen eine Folie für das Nachdenken über die Ausübung von Gewalt. Sei sie körperlich, verbal oder virtuell. Die Narben sind dieselben.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" nach Robert Musil von Thomas Birkmeir im Theater im Zentrum, ab 15 Jahren. Regie. Thomas Birkmeir, Bühne: Ulv Jakobsen, Kostüme: Irmgard Kersting. Mit Ludwig Wendelin Weißenberger, Robin Jentys, Haris Ademovic und Jakob Elsenwenger. Kommende Termine: 14. bis 17. sowie 19 bis 24. und 26. bis 29. Jänner. www.tdj.at)
Zusammenfassung
- 24 Jahre nach seiner ersten Dramatisierung bringt das Theater der Jugend unter Thomas Birkmeir erneut 'Die Verwirrungen des Zöglings Törleß' auf die Bühne, mit Premiere am 11. Jänner 2026.
- Das Mindestalter für den Theaterbesuch wurde kurz vor der Premiere von 13 auf 15 Jahre erhöht, da die Inszenierung zentrale Themen wie Gewalt, Cybermobbing und gesellschaftliche Grenzerfahrungen behandelt.
- Die aktuelle Fassung konzentriert sich auf vier Figuren, wobei Ludwig Wendelin Weißenberger als Törleß das moralische Dilemma und die Gewaltspirale im Internat miterlebt, während Aufführungen im Jänner an mehreren Terminen stattfinden.
