APA/APA/AFP/ALFREDO ESTRELLA

Starkomponist Philip Glass feiert 85. Geburtstag

31. Jan. 2022 · Lesedauer 5 min

Er gehört trotz seiner heute 85 Jahre nach wie vor zu den produktivsten Komponisten der Gegenwart. Einer der meistgespielten und einflussreichsten ist er ohnedies: Philip Glass. Heute, Montag, feiert der US-Amerikaner, der mit seinem eigenen Ensemble in den 1960ern die Stilrichtung der Minimal Music im Gleichklang mit Landsmännern wie Steve Reich, Terry Riley, La Monte Young oder John Adams mitbegründete, seinen 85. Geburtstag. Auch die Welt feiert, nicht zuletzt Linz.

Anstelle abstrakter Klangexperimente setzte die junge Generation von Tonsetzern auf klassische Harmonik in Verbindung mit repetitiven Motivfragmenten - und war damit erfolgreich, wenn auch von Beginn an mit harter Kritik konfrontiert. Die jungen Komponisten waren die Vorboten des gesellschaftlichen Aufbruchs der 1968er, verwandelten den Drive der Metropole New York, die sozialen Umwälzungen in Töne. Die Doyens der damaligen US-Avantgarde wie Aaron Copland brachten indes erstarrt-spröde Alterswerke hervor, die diese neuen Entwicklungen musikalisch nicht widerspiegelten.

Glass hingegen kreierte einen musikalischen Strom kontinuierlich fließender Rhythmen, die beim Hörer gleichsam Tranceeffekte wie auf einem Drogentrip evozieren. Fein austarierte Klangteppiche mit repetitiven Rhythmusstrukturen bilden bis heute die Grundlage des Glass'schen Stils. Stetig schälen sich aus dem Meer der breiten Klänge subtile Metamorphosen, Schlichtheit paart sich mit Opulenz, die mit zunehmendem Alter des Komponisten durchaus steigt, was sich nicht zuletzt an den monumentalen Symphonien zeigt, derer Glass mittlerweile bereits 15 vorweisen kann, wenn im März im Washingtoner Kennedy Center die bis dato letzte uraufgeführt wird.

Entsprechend wehrt sich Glass selbst mittlerweile gegen die Zuordnung zur Minimal Music, eine Bezeichnung, die vom britischen Kollegen Michael Nyman in den 1970ern in Anlehnung an die Minimal Art geprägt wurde. Schließlich will der in Baltimore geborene Glass aus dem Vollen schöpfen - in Stil und in Genre.

Schließlich kündigte sich eine musikalische Karriere bei Glass wenn vielleicht noch nicht in der Wiege, so doch alsbald danach an: Er lernte schon früh mehrere Instrumente, spielte in Orchestern und in Marschkapellen. Schließlich begann er eine konventionelle Musikerlaufbahn, die ihn nach Chicago und an die New Yorker Julliard School führte. Zwölftontechnik oder Serialismus lehnte er da bereits ab, ohne noch den eigenen Stil gefunden zu haben. Dies geschah beim Unterricht von Nadja Boulanger in Paris. Auch kam der US-Amerikaner lange vor den Beatles mit dem indischen Sitarmeister Ravi Shankar in Kontakt, bereiste Indien, Nordafrika, den Himalaya. Ab 1967 wieder in New York, war Glass' repetitiver Stil geboren.

Der Durchbruch gelang 1974 mit der Uraufführung seiner gut dreistündigen Komposition "Music in Twelve Parts" in der New Yorker Town Hall. Seine 1975 mit Robert Wilson erschaffene Oper "Einstein on the Beach" revolutionierte dann das Musiktheater durch den Verzicht auf dramaturgische Narration. Glass' Einstein ergeht sich am Strand, während die Opernbesucher das Gefühl für Zeit verlieren. Mit Monumentalopern wie "Satyagraha" (1980), "Echnaton" (1984) oder auch "Kepler" zum Kulturhauptstadtjahr Linz 2009 etablierte sich Glass als einer der produktivsten Bühnenkomponisten seiner Zeit.

Auch das neue Linzer Musiktheater wurde 2013 mit der Uraufführung seiner Handke-Adaption "Spuren der Verirrten" eröffnet. Schließlich ist die Bindung des Komponisten an die oberösterreichische Landeshauptstadt eng. Zur großen Symphonik fand Glass nicht zuletzt durch die Freundschaft mit deren langjährigen Generalmusikdirektor Dennis Russell Davies. So erlebten zahlreiche der Symphonien und einige Opern ihre Ur- oder europäische Erstaufführung in Linz. Und entsprechend wird der halbrunde Geburtstag von Russell Davies nun auch gefeiert, wenn er gemeinsam mit Gattin Maki Namekawa als Pianoduo heute im Deep Space des Linzer AEC zu hören ist - wieder einmal flankiert von Echtzeitvisualisierungen von Cori O'Lan und auch im Stream miterlebbar.

Vielleicht verfolgt den dann ja auch Philip Glass selbst, mitfeiern in Linz wird er am Abend aber nicht, wird dem Umtriebigen doch zu gleicher Zeit in New York von seiner Weggefährtin Laurie Anderson im Rockefeller Center eine Party mit Performances, Livemusik, Cupcakes und Eislaufen ausgerichtet. Und dieses breite Spektrum der Würdigungen passt schließlich zu Glass, basiert dessen Breitenwirkung schließlich darauf, nicht nur das Bildungsbürgertum für sich einzunehmen, sondern auch die Film- oder Popfans.

Seit den 1980ern komponiert Glass unablässig Filmmusiken - von ästhetischen Kunststreifen wie Godfrey Reggios "Koyaanisqatsi" über Martin Scorseses "Kundun" bis zu "Cassandra's Dream" von Woody Allen. Spätestens seit der Gründung seines eigenen Labels Orange Mountain Music 2001 kennt die Veröffentlichung des Glass-Oeuvres kein Halten mehr.

Zugleich zeigte sich der Komponist stets offen für Musiker anderer Provenienz wie David Bowie und Brian Eno, aus deren Werken er eine Symphonie formte. Auch Leonard Cohen, die Talking Heads oder Tangerine Dream arbeiteten mit Glass oder ließen sich von ihm inspirieren. Vom offenen Ansatz her ist der Wahlbuddhist Glass also zweifelsohne jung geblieben. Und da passt es doch, den 85. Geburtstag unter anderem mit Eislaufen und Cupcakes zu verbringen.

(S E R V I C E - http://philipglass.com ; https://ars.electronica.art/)

Quelle: Agenturen