"Spring Awakening" in der Volksoper will die großen Gefühle
Trotz ernster Themen ist die Neufassung, in Wien unter Regie von Frédéric Buhr, nicht unbedingt schwere Kost. Im Gegenteil, "Spring Awakening" ist ganz darauf ausgelegt, ein Publikumsmagnet zu sein. Mit etwas Ironie, hollywoodreifen Rockballaden und einer deftigen Portion Schmalz macht es das Jugenddrama leicht verdaulich.
Zuschauer sollten jedenfalls keine zu große Abneigung gegen Schnulzigkeit haben. Denn im 19. Jahrhundert in "Spring Awakening" sind die bösen Eltern und Lehrer ganz besonders böse, die Romanzen besonders unschuldig und die Rocknummern zerren geradezu an den Herzsträngen. Das dürfte aber genau so gewollt sein. Immerhin warb man im Vorfeld mit "großen Gefühlen" - und als Melodrama bringt es alle notwendigen Elemente mit, die dafür notwendig sind.
Der auch in Wien auf Englisch gesungene Softrock ist so eingängig wie sentimental und in den USA gab es für "Spring Awakening" gar acht Tony Awards. Besonders stark sind in der Volksoper die kräftigen Frauenstimmen - durch das gesamte Ensemble, von Hannah Severin über Paula Nocker bis Isabel Saris hindurch. Wobei sich auch ein paar kreative musikalische Ansätze finden. Beispielsweise mischt sich einmal das Wiederholen der Latein-Vokabel im Unterricht unter den Gesang.
"Spring Awakening" schafft dabei eine solide Balance zwischen Ernst und Ironie. Die Schüler verstehen wegen der prüden Erziehung etwa nicht, wie es mit den Bienchen und Blümchen funktioniert, was zu vielem Augenzwinkern führt. Gleichzeitig kämpfen die Charaktere allerdings mit Missbrauch und Suizidgedanken. Die Aufführung findet aber nahtlos den Weg von Schmuse-Witzchen zum großen Melodrama - auch wenn mancher Schicksalsschlag etwas abrupt kommt. Auf Deutsch wirken die wilhelminischen Wedekind-Charaktere außerdem authentischer als am Broadway.
Erfolgreiches Bühnenkonzept
Auf den ersten Blick mag das Bühnenbild mit seinen Graffiti-Wänden und Metallstangen karg aussehen. Tatsächlich zeigt es sich aber sehr dynamisch und abwechslungsreich. Von Schulplätzen bis zu Friedhöfen setzen die relativ geringen Mittel die Kulissen durchaus einprägsam und dramatisch in Szene. Währenddessen ist mittig auf der Bühne stets die Band platziert und die Lichter erzeugen für manche Nummern eine Ästhetik wie auf einem kleinen Rockkonzert.
Musikalisches Melodrama mit kleinen Mankos
Ganz rund ist bei der Musik aber nicht alles. So stark die Frauenstimmen sind, so fallen die Männer beim Gesang ab. Das Gegröle mag zum aufbrausenden Konzept gehören, wirkt aber spätestens bei Duetten mit den Frauen etwas fehl am Platz. Außerdem braucht es womöglich Eingewöhnungszeit für das musikalische Konzept. Sater hat nämlich versucht, das gesprochene Storytelling gezielt vom Gesungenen zu trennen. Dadurch sind die aufgeladenen Lieder wie innere Monologe, die manchmal künstlich in eigentlich ruhige Szenen gepappt sind.
(Von Klaus Kainz/APA)
Zusammenfassung
- Das Musical 'Spring Awakening' feiert am Samstag Premiere in der Wiener Volksoper und verbindet Ironie, Rockballaden und Melodrama, um Themen wie Leistungsdruck, Generationenkonflikte und sexuelle Selbstfindung auf die Bühne zu bringen.
- Das Ensemble überzeugt vor allem durch starke Frauenstimmen, während die Männer gesanglich abfallen, und das moderne Bühnenbild mit Graffiti und Metallstangen sorgt für eine dynamische Atmosphäre.
- Die seit 2006 existierende Musical-Version, die in den USA acht Tony Awards gewann, thematisiert neben pubertären Unsicherheiten auch Missbrauch und Suizid und schafft eine Balance zwischen Ernst und augenzwinkernder Ironie.
