APA - Austria Presse Agentur

"Schall ist flüssig": Starfotograf Tillmans im mumok

03. Dez 2021 · Lesedauer 3 min

Zwei Jahre lang hat der deutsche Starfotograf Wolfgang Tillmans seine Ausstellung "Schall ist flüssig" für das mumok in Wien vorbereitet. Doch jetzt, wo alle Werke hängen, bleibt es in der riesigen, von allen Einbauten befreiten Ausstellungshalle gespenstisch still. Welche Aggregatzustände der Schall in Tillmans Welt annehmen kann, werden die Besucher erst nach Ende des Lockdowns erfahren. Mit der APA spazierte der Künstler vorab durch seine Schau.

"Mich interessiert in den vergangenen Jahren vermehrt, wie sich die Dinge anfühlen und bewegen", versucht der 53-Jährige den doch ungewöhnlichen Titel seiner Ausstellung zu erklären. Auch seine zuletzt wieder aufgenommene Arbeit mit Ton - sein Album "Moon in Earthlight" ist soeben erschienen und im Untergeschoß als Musikfilm zu erleben - habe ihn beeinflusst. "Mich interessiert, wie Schall wie eine Flüssigkeit überall eindringt", so Tillmans, der erst nach der Titelfindung jenes Bild fotografiert hat, das denselben Namen bekommen hat. Dabei handelt es sich um eine großformatige Aufnahme eines tropischen Regensturms in Kolumbien. "Ich habe mich gefragt ob es möglich ist, den Regen so zu fotografieren, dass die Tropfen nicht nur als Striche abgebildet werden." So viel sei verraten: Es ist ihm gelungen. "Durch das Einfrieren in dieser Tausendstel Sekunde ist auch plötzlich der Ton weg, den so ein Gewitter macht", freut sich der Künstler, ehe er schnurstracks zu einem weiteren Großformat schreitet, das ebenfalls die eigene Wahrnehmung hinterfragt.

Zu sehen ist zunächst nicht viel mehr als eine unförmige Betonsäule. Erst bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass Tillmans auch hier den Bruchteil eines Moments eingefangen hat. Die Säule entpuppt sich als flüssiger Beton, der aus einem Rohr geschossen wird und im Foto nicht mehr flüssig, sondern fest wirkt und so zu einer Skulptur gefriert. Flüssig wirkt auch eine rote Jogginghose, die - achtlos hingeworfen - Falten wie Wellen wirft. "Ich nutze Kameratechniken, um zu hinterfragen, was ich sehe oder sehen will und ob die Kamera das aufnehmen kann."

Überhaupt hat es ihm die Verbindung von Fotografie und Skulptur angetan. Seien es nun Ausschnitte von nackten Körpern in der Berührung, das Chaos nach einer Party oder der Himmel. Gerade der Nachthimmel fasziniert Tillmans seit seiner frühen Jugend, wie insgesamt drei Fotos des Mondes zeigen, von denen eines auch als Plakatsujet der Schau gewählt wurde. Aufgenommen hat er - schon als Zwölfjähriger - den Erdschatten im Mond.

Die Ausstellung, die insgesamt 260 Werke umfasst, ist weder chronologisch noch thematisch aufgebaut. Vielmehr hat Tillmans auch Werke aus dem Archiv neu befragt und aktuellen Arbeiten gegenübergestellt. Dabei variieren auch die Formate: "Man kann sich den Bildern aus 30 Metern Diagonale annähern. Ich hoffe, dass sich die Besucher spielerisch im Raum bewegen. Das kleinste Bild ist nicht automatisch das unwichtigste."

Und so gilt es, zahlreiche Entdeckungen zu machen. Dass sich die Corona-Pandemie auch in der Arbeit Tillmans niedergeschlagen hat, sieht man bei einem Foto, das eher zu den kleinformatigen Arbeiten zählt. Es zeigt eine gelbe Tulpe mit gestutzten Blütenblättern. Tillmans: "Blumenläden gehörten nicht zu Geschäften des täglichen Bedarfs." Da war das Beschneiden die einzige Möglichkeit, sich möglichst lange am Anblick der Blume erfreuen zu können. "Das waren die letzten Blumen, die noch da waren..."

(S E R V I C E - www.mumok.at)

Quelle: Agenturen